"Kaum eine Diskussion über die Soziale (Un)Gerechtigkeit kommt ohne die Bemerkung aus, dass die „Ungleichheit zuletzt abgenommen hat!“ Mal kommt das aus der CDU als Bestätigung von weiterer Umverteilung von unten nach oben, mal bringt den Trendspruch ein Sozialdemokrat eher verschämt und ein bisschen erleichtert. Es erleichtert natürlich ungemein die Zustimmung zu CDU-Maßnahmen, die die Mittelschicht weiter schwächen, wenn es irgendwie auf geheimnisvollem Wege besser geworden ist und besser bedeutet ja, dass es alles mal gar nicht so schlimm ist wie angenommen!

Da könnte man doch jetzt glatt am Weihnachtsbaum vorm Schloss Bellevue zur Feier des Tages mal so richtig die Illumination hochdrehen und bei einer Feierstunde zum Wunder des sozialen Ausgleichs einen guten Tropfen Glühwein (Primitivo und Zinfandel mit ausgesuchten Gewürzen und karamellisiertem Rohrzucker) die Kehle herabrinnen lassen.

Leider allerdings ändert dieses Wunder nichts daran, dass der Weihnachtsbaum der Vermögen weiter auf dem Kopf steht. Es hat sich, selbst in den offiziellen Daten wenig zum Positiven geändert. Der Gini-Koeffizient, der das Maß der Vermögensungleicheit misst, war in den letzten Jahren konstant um die 0,77 – was erstens sehr hoch und zweitens höher als selbst in den meisten Nachbarländern ist. Und dieser Koeffizient ist vielleicht ein bisschen gesunken. Denn je nach Messmethode hat die ärmere Hälfte wieder etwas mehr Vermögen. Die hatte aber zwischendurch auch nahezu 0 Vermögen, von da aus ging es kaum mehr abwärts. Jetzt sind es je nach Messung 1,2 vielleicht aber auch bis zu 2,3 % des Gesamtvermögens.

Wo, die Hälfte Deutschlands besitzt wieder bis zu 2,3 % des Vermögens, also darauf kann man sich schon mal ein ähm Leitungswasser aufmachen!

Wenn man jetzt nochmal genauer nachschaut liegt einer der Hauptgründe für das Weihnachtswunder des sozialen Ausgleichs darin, dass die Immobilienbewertungen in den letzten Jahrzehnten so absurd gestiegen sind. Das klingt erst einmal widersinnig, ist aber erstaunlich logisch. Immobilienbesitz ist in Deutschland deutlich stärker gestreut als der Besitz von Kapital-, Finanz- und Auslandsvermögen, die sich vor allem bei den Reichen und Superreichen sammeln. Weil die weltweiten Reichen und Superreichen in den lukrativen deutschen Immobilienmarkt gedrängt sind haben sie als Nebeneffekt das BUCHHALTERISCHE Vermögen der kleinen Häuslebesitzer mitwachsen lassen. Und da das oft deren einziges nennenswertes Vermögen ist, hat das bei denen proportional stärker „reingehauen“.

Wir haben also buchhalterische Vermögensgewinne für Hauseigentümer auf der einen und explodierende Mieten auf der anderen Seite. Aber während die Vermögensgewinne für Hauseigentümer heute schon verbucht werden, vernichten die absurden Mieten die Vermögen der Unter- und Mittelschicht erst häppchenweise, jeden Monat und jede überhöhte Nebenkostenabrechnung von Vonovia aufs Neue.

Es ist aber so: Immobilienbewertungen können jederzeit wieder sinken – ausgegebene Mieten sind weg bzw. natürlich nicht weg aber bei jemandem anders.

Und wo wir also gerade die sozialen Geschenke aus dem Weihnachtswunder unter den „Gar-nicht-mehr-so-armen“ verteilen wollten, kommt Alles noch schlimmer.

All diese Annahmen fußen darauf, dass man die tatsächliche Vermögensrealität der Superreichen einschätzen kann. Kluge Menschen haben irgendwann mal offizielle Daten mit dem abgeglichen, was Forbes und so herausgefunden haben und naja, was soll ich sagen. Also man lag halt nur so 50 % daneben.

Traditionell schätzt man Vermögen durch freiwillige Umfragen ein. Aber die Vermögen sind inzwischen so absurd bei so absurd wenig Menschen konzentriert, dass dabei die Milliardäre schlicht durchs Raster der Wahrscheinlichkeit fallen. So besitzen inzwischen 3900 Menschen in Deutschland circa ein Drittel des Finanzvermögens. Und selbst wenn einer von diesen durch Zufall angerufen wird: Wann hat Dieter Schwarz (Lidl / Kaufland / …) mit mehr als 40 Milliarden wohl zuletzt an einer freiwilligen Umfrage teilgenommen?

Die Hans-Böckler Stiftung hat daher damit angefangen diese Daten mit tatsächlichem Firmenbesitz und co. zu korrigieren, was bei den undurchsichtigen Stiftungskonstruktionen all der „Familienunternehmen“ da draußen gar nicht so einfach ist. Die Folge war eine Verdoppelung des tatsächlichen Anteils der Superreichen und jetzt kommen wir also beim hell leuchtenden Weihnachtsstern an.

Also der Spitze mit den „Familienunternehmen“, was immer so nett klingt. Hach Familienunternehmen! Schön! Menschen wie du und ich! Wobei: Ist nicht auch Amazon ein „Familienunternehmen“? Und Tesla? Und Oracle? Die haben doch auch alle Familie und es bleibt stets in der Familie wenn z.B. der Sohn vom Oracle Besitzer sich ein Medienimperium zusammenkauft! Oder sollte man bei Familie vielleicht eher an die „Familie“ im Sinne des Paten denken?

Denn es gibt eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Ungleichheit gar nicht abgenommen hat. Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass mittlerweile durch die Skaleneffekte bei KI / Automatisierung / Digitalisierung nur noch so wenig Menschen die Gewinne einsammeln, dass Gini-Koeffizient und deutsche Spitzenpolitiker gleichermaßen blind dafür werden.

Denn wenn nach dem Motto von „The Winner Takes it all!“ nur noch 0,1 oder sogar nur 0,001 % die Gewinne einstreichen, dann kann darunter die Ungleichheit sinken, während sie eigentlich sogar explodiert.

Man könnte daraus nun die Erkenntnis ziehen, dass es bald soweit ist, dass von einer Vermögenssteuer 99,9 % der Deutschen profitieren würden und das alleine schon eine gute Idee wäre, um endlich zu wissen, wer wieviel besitzt. Vermögenssteuer also als eine unfreiwillige Umfrage, an der sogar ein Dieter Schwarz und die Aldi-Familie teilnehmen müssten.

Oder man kann sich in eine Talkshow setzen und anmerken, dass ja „zuletzt die Ungleichheit gesunken sei!“. In diesem Sinne: Habt schöne Meihnachten oder Weihnachten und wenn man sich was wünschen dürfte, also eine Vermögenssteuer unterm Weihnachtsbaum, die würde ich schon nehmen. Aber dafür müssten Merz und Klingbeil wohl erst von 3 Geistern besucht werden…

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Ich weiß, es ist ja quasi schon Weihnachten, aber falls ihr noch ein Last-Minute-Geschenk braucht und der Post vertraut hätte ich da so ein Buch. Das Cover ist nicht so der Hit (dafür kann ich nix, wollte der Verlag so) aber der Rest ist, soviel kann ich versprechen, immer noch erstaunlich aktuell, lustig, informativ und unterhaltsam!

Einfach heute schnell hier oder beim Laden um die Ecke bestellen, wahrscheinlich kommts noch an!
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