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Radschutzstreifen sind feige Verkehrspolitik

Hamburg hat leider viel zu lange gebraucht um sich von dem Ziel der autogerechten Stadt zu verabschieden. Die Theorie war: Es gäbe eine Höchstgrenze der Automobilität und man müsste nur genug Straßen bauen, um diese abzudecken und dann würde man eines der Tages in der goldenen Stadt der perfekten Mobilität aufwachen in der jeder staufrei und gemütlich sein Ziel erreicht. Amen.

Das Problem ist: Es gibt zwar eine Höchstgrenze der Mobilität. Aber die misst sich in Zeit bzw. Aufwand und nicht in Kilometern. Ob wir bereit sind eine Strecke zurück zu legen machen wir an der Zeit und dem Aufwand in Geld, Ärger, usw. fest aber nicht an der Entfernung. Je mehr vierspurige Straßen man durch die Stadt prügelt desto mehr Menschen ziehen weiter raus weil dort die Mieten günstiger sind, mehr Natur und weniger Autoverkehr ist und der Zeitaufwand für die Fahrt ja gesunken ist. Die Theorie ist also eine Fata Morgana, die sich immer weiter entfernt, umso mehr Straßen man baut.

Das wäre völlig okay wenn Autoverkehr nicht eine Reihe von Nebenwirkungen hätte, die die Medizin der autogerechten Stadt nicht nur bitter sondern bei genauerer Betrachtung eher als Gift für ein gutes Leben in der Stadt erscheinen lässt.

Lärm, Abgase, Feinstaub, Umwelt- und Klimazerstörung, Zerschneidung und Vernichtung von Grünflächen und Freiräumen, ständige Gefahr für spielende Kinder und andere Verkehrsteilnehmer und vor allem die Vereinnahmung von unfassbar viel Raum. Und das in der Stadt, wo von allem viel vorhanden ist, aber Platz nun gerade nicht. Damit wir schnell von A nach B kommen vernichten wir also auf einer Vielzahl von Ebenen Lebensqualität.

Wird das nun mit Elektroautos besser? Lärm und Abgase ja, Feinstaub teilweise (Reifenabrieb bleibt ja) ansonsten bleibt das Problem eins zu eins bestehen.

Aber es wird doch mit autonomen Autos besser! Nein. Warum sollte es? Wenn ich das Autofahren noch angenehmer mache, man auf der Fahrt arbeiten kann und es z.B. möglich ist zu ner Party zu fahren und sich dann angetrunken das eigene Auto zu rufen „K.I.. ICH BRAUCH DICH“ – dann fahren doch nicht weniger Autos, dann fahren MEHR Autos komplett leer durch die Stadt um Menschen abzuholen. Studien berechnen den Effekt auf bis zu 60%. Und auch das Statussymbol bleibt. Ist doch derbe dicke Hose wenn bei der Party in Blankenese ein riesiger Schlitten mit der Lieblingsserie auf den Bildschirmen von selbst vorfährt. Die Stadt wird noch mehr ein Ort sein, an dem, die mit Kohle ihr Leben auf Kosten der anderen pseudo-optimieren.

Anders gesagt: Das Problem wird sich von selber nicht lösen. Das löst sich nur durch mutige Politik.

Und da kommt auch schon die mutige Hamburger Politik mit dem (Tusch) RADSCHUTZSTREIFEN!

Yay.

Man versucht also die Fata Morgana der „autogerechten Stadt“ aufrecht zu erhalten und gleichzeitig Radstadt zu werden indem man die Radfahrer als lebende Theorie-Crash-Test-Dummies und nur durch eine dünne Linie geschützt auf die jetzt schon zu enge Fahrbahn schickt. Und sagt das wäre wie in Holland.

Und irgendwo westlich fällt einem erschrockenen Niederländer der Gouda beim Radfahren in die Gracht und man hört ihn in dem Westwind rufen: „Aber das ist doch völlig waanzinnig, das hab ich doch nie gesagtje!“

Wer auch nur einmal in Holland war weiß: Hier werden Auto- Rad- und Fußverkehr konsequent und aufwendig getrennt. Hier werden Radfahrer NICHT entlang der Hauptauspuffrouten durch Abgaswolken in die Stadt geführt sondern wenn möglich abseits auf eigenen Wegen wo es ruhiger und schöner ist.

Aber der Hamburger Radfahrer ist halt an sich ein verkappter Navi-SEAL, der als Ex-Raucher einfach sein Pensum Gefahr, Feinstaub und Teer braucht, um den Tag wirklich zu leben. Und Hamburger Autofahrer sind einfach die hochkonzentriertesten Menschen der Welt, immer auf 20 Espresso und haben immer und überall 50 Radfahrer, 10 Fußgänger und 200 andere Autos im Blick.

Und die Realität so: Nee, is erundsie nicht. Sorry. Radverkehr ist in 2019 gesunken. War aber Zufall. Wir haben doch so viele tolle Radschutzstreifen gebaut! Und z.B. an der Osterstraße mit den Mitteln des Radprogramms die ganzen Kreuzungen saniert und nach der Sanierung haben alle mehr Platz. Außer den Radfahrern natürlich. Die haben eine Linie auf der Straße. Rechts parkende Autos und links Busse, die jetzt leider nicht mehr wirklich zwischen die Linien passen und daher standardmäßig auf den Radschutzstreifen ausweichen müssen. Aber auf dem Fußweg können jetzt Fußballmannschaften nebeneinander laufen. Oder die Straße Beim Schlump. Da hat die Behörde gleichzeitig eine riesige Unibaustelle aufgemacht, den sicheren Radweg auf dem Fußweg geschlossen und auf die Straße verlegt. What can possibly go wrong? Jetzt sind da wöchentlich Polizeikontrollen gegen Radfahrer, die überleben wollen und heimlich auf dem Gehweg fahren. Ich hab da gewohnt. Wer da mal zur Rush-Hour (ca. 50 % des Tages) mit dem Rad war, weiß: Ich übertreibe nicht. Es ist gemeingefährlich. Ich bin da nie auf der Straße gefahren. Ich mag dieses Leben.

Und auf der Elbchaussee, diesem mäandrierenden Ungetüm für Cayenne-Fahrer, bei dem nie jemand weiß obs gerade eine Spur oder zwei sind und man sich folgerichtig permanent anhupt und behindert. Da hat nicht etwa jemand die Eier zu sagen: Machen wir eine Spur draus, sonst entsteht ja eh nur Chaos. Nee, da wird das nächste Elend geplant.

Fragt man einmal NICHT die Rad-Nerds sondern die Freunden, die NICHT oder WENIG Fahrrad fahren sagt dir jeder: „Ich hab Angst. Das ist mir zu gefährlich.“ Und ich verstehe das komplett. In Deutschland sterben Jahr für Jahr mehr Radfahrer und nicht weniger wie in anderen Ländern. Aber Schuld sind die Radfahrer, weil ohne Helm und Warnweste. Auch wenn der Löwenanteil der Unfälle bei bester Sicht im Sommer passiert (Warnweste?) und durch abbiegende LKWs und Autos (Helm?).

Wir haben eine verdammte Straßenverkehrsordnung. Man hat auch OHNE Helm und Warnweste und 5 Airbags am Rad sicher zu sein. Und dafür braucht es Infrastruktur. RICHTIGE Infrastruktur. Die mit MUT. Die ohne 5.000 Auspuffe vor meiner Lunge.

Entweder: Maximal Tempo 30 für alle. Dann kann man die Wege auch zusammenschmeißen. Bin ich persönlich gern dabei, ich fürchte nur…

Oder: GETRENNTE WEGE FÜR ALLE.

Und das geile ist: Alle profitieren. Radfahren macht endlich wirklich Spaß. Fußgänger und Radfahrer müssen sich nicht mehr anbrüllen. Die Stadt atmet auf. Jeder, der neu Rad fährt macht Platz für die, die wirklich Auto fahren MÜSSEN. Ob Lieferant, körperlich eingeschränkt oder Handwerker – manche Menschen brauchen ihr Auto und auch die fahren dann entspannter und geschützt vor plötzlichen Radüberraschungen durch die Stadt. Ja. Man wird dazu manchmal eine Spur bei den Autofahrern wegnehmen müssen. Ja, es wird Protest geben. Das wird übel werden. Aber Protest ebbt auch wieder ab wenn die Menschen merken: „Scheiße, irgendwie ist mein Leben in der Stadt jetzt schöner!“

Hat in den Niederlanden funktioniert. Hat in Kopenhagen funktioniert. Wird gerade in Paris angegangen. Warum soll das nicht in Hamburg funktionieren? Also: Schluss mit halber Kacke und gefährlichen Schutzstreifen, baut endlich RICHTIGE und SCHÖNE Infrastruktur. Ich will ein Leben in der Stadt. Danke.

Euer Captain.

P.S. Sonntag ist Wahl.

Was geben Städte pro Kopf für den Radverkehr aus?

Was geben Städte pro Kopf für den Radverkehr aus – und
was ist das Ergebnis? Wenig überraschend: VIEL HILFT VIEL.
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Ich poste diese Grafik weil die Ausgaben pro Kopf alleine ehrlich gesagt nichts aussagen außer einer Willensbekundung. Nur an dem Anteil des Radverkehrs zeigt sich Erfolg oder Nichterfolg der Maßnahmen.
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Was zeigt die Grafik? Berlin und Hamburg investieren trotz gigantischem Nachholbedarfs immer noch viel zu wenig. Ein paar Mutige fahren trotzdem immer Fahrrad. So ist der im Vergleich zum niedrigen Einsatz recht hohe Anteil des Radverkehrs zu erklären. Damit auch weniger Mutige (oder Verrückte) sich auf das Rad schwingen muss aber investiert werden, was Beispiele wie Kopenhagen und Utrecht deutlich zeigen.
Amsterdam ist schwierig zu ermitteln: Die Stadt selber investiert in den nächsten Jahren 11 € pro Einwohner und Jahr. Dazu kommen aber erhebliche Mittel aus Landestöpfen was einen Schnitt über die ganzen Niederlande von 30 € pro Kopf und Jahr ergibt. Zudem wurde schon sehr lange sehr viel investiert, daher hab ich hier mal ein größer-Zeichen ergänzt. (Ihr seht ich hab mir wirklich verdammt viel Arbeit gemacht…)

Interessant dabei ist auch, dass der Anteil verunglückter Radfahrern in den Niederlanden kontinuierlich sinkt während er in Deutschland steigt. Woran mag das wohl liegen? Etwa an der unzureichenden Investition in sichere Infrastruktur? Nein! Doch! Oh. In Hamburg ist bald Wahl und ich glaube es ist kein Geheimnis dass CDU und SPD der Überzeugung sind, dass für Radverkehr eigentlich erstmal genug getan wurde. Nachdem vor allem die Grünen in den letzten Jahren tatsächlich für Schwung gesorgt haben. Ich lasse mir gerade die Wahlprogramme kommen.
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Alle Daten sind mit Vorsicht zu betrachten. Ich hab mein Bestes getan das Internet gründlich zu durchsuchen aber man findet viel sich widersprechendes und viele die stumpf voneinander abschreiben. Und natürlich Berlin, das kaum aktuelle Zahlen hat. Wie könnte es auch anders sein. Ich hab daher jeweils die glaubwürdigste und konservativste Zahl genommen. Wenn ihr bessere habt und das begründen könnt immer her damit!

Nachtrag: Bei Hamburg war bisher dank einer anscheinend fehlerhaften Studie immer die Rede von 2,9 € pro Kopf. Der Etat für Radverkehr versteckt sich in Hamburg in diversen Töpfen. Die Verkehrsbehörde berechnet für 2017 10,56 € und für 2018 noch etwas mehr. Es geht also voran und das habe ich in der Grafik entsprechend angepasst. Danke für den Hinweis.

Von folgenden Links:
https://assets.amsterdam.nl/publish/pages/865242/meerjarenplan_fiets_2017-2022.pdf
http://www.aviewfromthecyclepath.com/2010/05/487-million-euros-for-cycling.html
https://www.zeit.de/mobilitaet/2018-07/fahrradstadt-hamburg-verkehr-abgase-amsterdam-velorouten?fbclid=IwAR3H9MKp81UqkdzE_fHSlM1DrQYldUgFC6pGdnfjoV0Ko2BqqAVUGKqDBa4
https://www.bikecitizens.net/de/bicycle-first-radverkehr-utrecht/
https://www.umweltbundesamt.de/themen/verkehr-laerm/nachhaltige-mobilitaet/radverkehr#vorteile-des-fahrradfahrens
https://hamburg.adfc.de/news/neue-mobilitaetsstudie-wer-25-prozent-radverkehr-in-2030-will-muss-dem-rad-jetzt-mehr-platz-geben/
https://bicycledutch.wordpress.com/2019/05/29/cycling-increased-again-in-utrecht/
https://www.coya.com/bike/index-2019
https://bicycledutch.wordpress.com/2018/01/02/dutch-cycling-figures/
https://ecf.com/cycling-data/netherlands/north-holland-noord-holland/amsterdam
http://www.aviewfromthecyclepath.com/2010/05/487-million-euros-for-cycling.html

Warnwesten und Radfahren – PR-Flowchart der Polizei

2019 starben bisher 11 % mehr Radfahrer im Straßenverkehr als 2018 (endgültige Zahlen stehen noch aus). 2018 starben 445 Radfahrer, 2017 starben 382 Radfahrer. Hier setzt sich also ein unglücklicher Trend fort. Nur 25,4 % der Radfahrer verunglücken im Winter. 70% der Radfahrer verunglücken bei Zusammenstößen bei denen wiederum in knapp 70 % der Fälle Autofahrer hauptschuldig sind. (Alle Daten Statistisches Bundesamt)
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Was macht man nun daraus?
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Nun, wenn man die Polizei ist, hat man natürlich keine Probleme den Übeltäter zu finden und macht jedes Jahr zur dunklen Saison und überhaupt immer wenn ein Radfahrer verunglückt lustige Videos und Anmerkungen wie wichtig es ist, dass Radfahrer und Fußgänger grünen Ampeln nicht trauen und immer Warnwesten und Helme mit Reflektorstreifen tragen. „Looks like shit. But saves my life.“
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Dass Ampeln und Vorfahrt eigentlich dazu da sind ihnen trauen zu können, dass die meisten Menschen im hellen Sommer sterben, dass eine ganze Stadt in Warnwesten eher nach Gelbwesten als nach Sicherheit aussieht weil eine Warnweste unter tausend Warnwesten keine mehr ist, dass die Infrastruktur dank feiger Politik aus völlig ungenügenden Radschutzstreifen und maroden, holprigen Radwegen besteht: Geschenkt. Der Sherlock deutsche Polizei & Politik weiß immer schon wer der Täter war bevor es Opfer gab! Und damit auch ihr endlich versteht wie es geht hier endlich der offizielle PR-Flowchart der Polizei für euch! Mit Liebe vom Captain. Ride safe.

P.S. Der Captain weiß aus diversen Fastunfällen mit abbiegenden Kraftfahrzeugattentätern: Wo kein Auto ist, kann einen auch keiner überfahren. Er fährt daher lieber dann wenn keiner kommt als dann wenn Ampel grün. Aber pssst.
P.P.S. Der Captain fährt auch ab- und an Auto. Und CRAZY SHIT: Er lässt sich bei jedem Abbiegeprozess genug Zeit um niemanden platt zu fahren. Und wird dafür regelmäßig von hinten totgehupt. „Jetzt fahr den Radfahrer doch tot, du Spast, ich habs eilig!“

Die AfD und Verkehrspolitik – Ey ich Opfer!

Die AfD opfert mal wieder rum: Diesmal als überzeugte Autobesitzer. Und es ist ja auch einfach furchtbar unfair: Als Autofahrer wird man einfach überall diskriminiert. Während die Radfahrer bis zu 80 cm Radweg haben, müssen die ausgebeuteten Autofahrer mit 8 Metern auskommen. So kann das einfach nicht weitergehen. Und die Städte sind gepflastert mit Radfahrparkplätzen während man wirklich nirgendwo Parkplätze für Autofahrer sieht. Aber zahlen dürfen sie die Autofahrer. Diese Welt ist einfach so ungerecht. Ach.

P.S. Ich fahre selber Auto. Aber nur für Urlaub und große Besorgungen. Städte sind nicht für Autos gemacht und sollten es auch niemals sein.

Was tut die CDU für die Verkehrswende?

Ich weiß nicht ob die CDU, die Sache mit der Verkehrswende so ganz verstanden hat. Nacktmodels mit Fahrradhelmen aufhängen (und sich damit lächerlich machen) Gebühren für Fahrradparkplätze fordern oder Lungenärzte feiern, bei denen später rauskommt, dass sie sich so einen Hauch verrechnet haben (bzw. eher einen ziemlich großen Hauch, fast schon einen Sturm…) das klappt. Aber tatsächliche konstruktive Radverkehrspolitik ist bis heute komplette Fehlanzeige.

Wer selber voran fahren will und die Schnauze voll hat von all den Deppen, die offensichtlich Radwege und Schutzstreifen als Kurzparkszonen verstehen, findet hier eine gute Anleitung für Anzeigen gegen Radwegparker von Kumpel Axel.

Wohlerspark

Der Wohlerspark gilt als der Geheimtipp unter den Hamburger Parks. Als ehemaliger Friedhof fristet er heute ein hübsch untotes Dasein zwischen alten Gemäuern. Er ist tatsächlich sehr pittoresk aber auch recht klein, was ihn aus irgendeinem unerfindlichen Grund zu DER Jogginglocation für junge bis mittelalte Frauen in Hamburg zu machen scheint. Mir würde es ja tierisch auf die Eierstöcke gehen alle fünf Minuten an derselben Stelle vorbei zu kommen und immer an Mauern längs zu laufen. Die meisten Menschen joggen an solchen Stellen nur weil sie eine Straftat begangen haben aber im Wohlerspark ist das – warum auch immer – anders. Vielleicht ist irgendwo ein Portal in eine andere Joggingdimension, der Belag der Wege macht 0,001 kmh schneller, das Stockholmsyndrom ist schuld, die Kopflinden senden Pheromone aus oder – was ich für wahrscheinlichsten halten – der Park ist so beliebt weil er sehr schwer einsehbar ist. Denn dadurch kann man zwischendurch gut mal zwischen den Büschen verschnaufen ohne dass es einer merkt und so elegant die neuesten Joggingklamotten spazieren führen und immer auf der Höhe des hübschen Hipsters auf der Bank kurz mit federnden Schritten vorbeischweben. Den Hauptweg der einmal außenrum führt sollte man jedenfalls zu Feierabend zügig queren, am schönsten ist es eh in der versteckten Ecken zwischen alten Gräbern und unter eindrucksvollen Bäumen vor allem im Nordwesten. Dort jedenfalls entwickelt der Wohlerspark seine ganz eigene Atmosphäre und es wurden bestimmt schon so einige kleine Nachwuchshipster oder -Gruftis zwischen den tief herabhängenden Zweigen der Trauerlinde gezeugt.

Wohlerspark hamburgisch erlebt

In Spätsommer oder Herbst einfach mal richtig früh aufstehen und dann im Frühnebel durch eines der geheimnisvollen Tore den Park und die Zwischenwelt betreten bis irgendwann die ersten Sonnenstrahlen des Tages auf die bunten Blätter fallen. Bevor der letzte Nebel schwindet schnell noch eine Ziege auf einem der Gräber opfern, südlich aus dem Park und die Thadenstraße Richtung Osten. Entweder in der Thadenstraße in ein Cafe oder nochmal rechts in die Bernstoffstraße mit bestem Pauliflair und weiteren Cafes und/oder Bäckern.

Entenwerder

Schön ist es nicht dieses Entenwerder. Jedenfalls sicher nicht so klassisch parkschön. Es riecht ordentlich fischig nach Nordseekäse leicht überreif, liegt wie eine überdimensionierte Verkehrsinsel zwischen Land- und Wasserstraßen und in der Mitte sind einfach nur zwei große Rasenflächen und ein Spielplatz, der sich auch in den 80ern wegen Modernität nicht hätte schämen müssen. Trotzdem lohnt sich der Weg – nicht so sehr wegen des Parks aber wegen des Wegs, der Ausblicke und der Umgebung. Und wegen Bootssteg, Cafe und goldener Pavillion da so ganz unten im Südosten. Entenwerder liegt direkt an den Elbbrücken über die fast aller Verkehr, ob nun per Auto oder Bahn, von Hamburg aus nach Süden raus- oder reingeht. Eingefriedet von gigantischen Steinpackungen und von der Norderelbe umströmt kann man an der Westspitze stehend den Anglern und dem rastlosen Treiben auf- und unter den Brücken zuschauen. Überhaupt diese Angler. Es gibt vermutlich keinen geheimnisvollen und noch so versteckten Ort im Hafen an dem man sie nicht trifft. Ich habe noch nie jemanden in den trüben Fluten der Elbe was fangen sehen aber vielleicht geht es darum auch gar nicht. Vielleicht geht es nur darum beim Angeln zu sein und nicht woanders, aber das ist auch nur eine Theorie. Entenwerder jedenfalls ist gleichfalls beliebt bei Anglern und Hundehaltern. Uns dagegen zieht es eher Richtung Café, denn um mir mein Essen zu angeln fehlt mir leider die nötige Geduld. Der Platz auf dem Bootssteg und der Blick sind großartig und das Essen und der Kaffee durchweg ordentlich bis sehr gut – der Preis ist auch recht ordentlich aber erklärt sich wohl auch durch den Platz. Sagen wir es so: billig ist es nicht aber was ist in Hamburg schon billig und der Ort ist das Geld wert. Ein Hauch von Zauber umweht die bunten Stühle, den goldenen Pavillion (der den Entenwerder Elbpiraten eine Heimstatt bietet) und den ganzen phantasievoll gestalteten Bootssteg. Im Norden von Entenwerder ist für alle Naturfreunde noch ein Schilf- und Verlandungsbereich für Teichrohrsänger und co. als Ausgleichsfläche entstanden. Das ist schön für die Natur und auch durchaus nett fürs Auge – wobei Entenwerder auch hier visuell eher auf der rustikalen Seite des Lebens bleibt. Abends ist Entenwerder so eine Art abgelegener Partykeller für alle Formen von elektronischen Tanzmusikabenden. Ob Spontanrave oder drei-Stunden-wach (…drei Tage geht eher nicht weil vorher die Polizei kommt) hier ist gerne und häufig was los und wer einmal zur falschen Zeit mit dem Rad in der S21 Richtung Entenwerder (Rothenburgsort) stand, hat einen ungefähren, schmerzhaften Eindruck was für Menschenmassen plötzlich auf dieser sonst eher einsamen Parkinsel aufschlagen. Dafür machen plötzlich die großen Rasenflächen Sinn und die Ausblicke, die tagsüber schon mal etwas trostlos wirken können, wirken nachts geheimnisvoll und wildromantisch. Bis jemand neben einem den Hosenschlitz öffnet und schwankend in die Steinpackungen pisst.

Entenwerder hamburgisch erlebt

Nach Entenwerder reist man unbedingt mit dem Rad an. Einerseits ist es mit Öffis eher schlecht zu erreichen, andererseits ist der Radweg von der City aus so ziemlich das heißeste Miststück an urbaner Blickgeilheit was Hamburg zu bieten hat und man rollt auf dem perfekt ausgebauten Weg smooth wie auf ner rasierten Ananas. Also brav Ecke Hauptbahnhof auf Fixie oder Stadtrad-Panzer und dann zwischen Deichtorhallen und Spiegelhaus durch immer schön an der Hafenkante vom Oberhafen vorbei. Nicht zu verpassender Einsatzpunkt für den Radweg ist 53°32’44.0″N 10°00’26.3″E (bei google eingeben) bei der Oberhafenbrücke. Von da aus immer nach Südosten den Radwegschildern folgen bzw. einfach immer an der Hafenkante bleiben und genießen. Macht den Radweg bei Sonne oder zumindest halbwegs gutem Wetter bei Regen ist es eher kein Spaß. Bei 53°32’08.6″N 10°01’40.5″E kurz vor Entenwerder und den Elbbrücken kommt man noch bei einem malerischen alten (und abgefucktem) Kran vorbei der sich als perfektes Fotomotiv anbietet). Dann rechtsseitig unter den Elbbrücken durch weiter Richtung Park (Wer groß ist passt ein bisschen auf die Birne auf). An der Nordwestspitze von Entenwerder ein bisschen Verkehr gucken, mal kurz auf dem Spielplatz auf dem Reifen schaukeln, dann ab ins Cafe oder im Südosten ein bisschen auf den Bänken in der Sonne abhängen. Warten bis es dunkel wird und das Wummern auf der großen Wiese loslegt. Inzwischen leichte Kopfschmerzen von der Sonne und der angestrengten Haltung auf dem Stadtrad, aber kein Problem! Irgendjemand auf der Party, die langsam startet, hat ein paar Schmerzpillen im Angebot. Zwei Stunden später sind die Kopfschmerzen immer noch da, aber dafür möchtest du plötzlich die ganze Welt umarmen. Da ein Baum, der guckt aber nett, der Baum, ach und so eine weiche Rinde, lass uns kuscheln! Was machen denn jetzt die Bullen hier, woah ist die süß die blonde Polizistin, und so eine weiche Haut, lass uns kuscheln! Warum sind da große Eisenstäbe und was macht der Riesentyp da neben mir in dem speckigen Unterhemd, aber eine weiche Haut hat er, ach lass uns kuscheln…

Naturschutzgebiet Eppendorfer Moor

Mitten in der Stadt und einfach nur brutal schön. Danach möchte man spontan große Teile Hamburgs Wiedervernässen. Zum Beispiel Harburg. (Ja in Harburg ist längst nicht alles hässlich aber mindestens die Innenstadt kann nur ein Sadist geplant haben) Einziger Wermutstropfen ist, dass das Eppendorfer Moor an zwei Seiten an großen Straßen endet und weiter nördlich der Flughafen angrenzt. Man kann also je nach Windrichtung zwischen Flugfeld- und Straßenlärm wählen. Das Maß ist aber erträglich und wird durch die optischen Eindrücke allemal wett gemacht.

Besonders schön ist es in der Mitte an den Teichen. Ein Pfad führt zwischen den beiden Hauptgewässern durch und den nordöstlichen Teich sollte man auf jeden Fall einmal umlaufen haben. Wie auch in anderen Naturschutzgebieten hat die Stadt Hamburg hier ein paar erhöhte Aussichtspunkte gebaut, die einen um geschätzt legendäre 30 cm größer machen und mir so das Gefühl geben einmal so groß wie der durchschnittliche Holländer zu sein aber aussichtsmäßig eher homöopathische Veränderungen mit sich bringen. Finanziell waren sie aber vermutlich ein bedeutsamer Posten und das ist ja schon mal was.

Weiter nördlich grenzt eine große Auswahl an Kleingartengebieten an in der man vielleicht im Herbst noch den ein- oder anderen Apfel klauen kann, ansonsten ist man auf dem Rückweg im Süden leider sehr schnell wieder in der Hamburger Autostadtrealität. Aber zum Glück ist der Grünzug der Alster mit Bootsstegen und Cafés nicht weit. Das Moor ist menschenmäßig belebt aber nicht überfüllt.

Leider lassen viele dieser Homo Hundiens ihre Lieblinge schön leinenlos durch das Unterholz stöbern, was hart gedankenlos bis hart daneben ist, weil Hunde auf ihren wilden Wegen alles verscheuchen was unter Mammutgröße ist. Daher liebe Hundebesitzer: Bitte einfach mal anleinen und Hund später auf der Alsterwiese Selbstoptimierungs-Jogger jagen lassen. Macht doch eh viel mehr Spaß wenn man da so ein halbherziges „Nein, Hasso nicht! Hasso, nein! kommst du zurück! Nein Hasso, ohne Jogger! Lässt du ihn da liegen! Hasso?!“ hinterher rufen kann.

Besonders schön ist das Moor – natürlich – im Herbst wenn die bunten Blätter fallen und in der Dämmerung der Nebel aufzieht. Dann kriegt man auch einen kleinen großstädtischen Eindruck davon warum Moore früher als verwunschene und nicht ganz geheure Orte galten. Vorsicht bei Fotoexperimenten, denn auch wenn es für zukünftige Generationen bestimmt cool wäre die ein oder andere Moorleiche zu entdecken: Nasse Füße sind meist nur einen Schritt entfernt. Aber das ist wohl auch irgendwie eine Binsenweisheit…

Eppendorfer Moor hamburgisch erleben

In der Nachmittagssonne einmal um die beiden Weiher in der Mitte, an dem nordöstlichen Weiher im Nordosten auf der Bank Platz nehmen und eine Runde Sonnebaden. Die gierig einfallenden Enten NICHT füttern. Die kacken sonst nur das Moor zu und überdüngen es weiter. Nachdem man eingenickt ist verstrahlt aufwachen, ein paar Selfies gegen die Sonne machen, den Reihern zuschauen, die sich um einen Frosch prügeln und weiter Richtung Alster und Cappuccino.

An der Alster Selfies anschauen und merken, dass die alle überbelichtet sind. Gegenlicht. War halt auch irgendwie klar. Selfies löschen und merken, dass das was wichtig ist kein blödes Selfie sondern eine schöne Erinnerung ist. Da so im Herzen. Mit Wärme, Gegenlicht und einem zarten Hauch von Liebe. Ganz rührselig werden und Freundin anrufen. Ach nee, die sitzt ja neben dir, mann, mann wie peinlich…

Eilbek Park

Ein Park wie ein ordentliches Butterbrot. Bei Hunger und Faulheit eine gute Wahl, aber wenn man Bock auf was Besonderes hat zieht man besser weiter. Ein bisschen Wald, ein bisschen Wiese, ein bisschen Spielplatz, ein bisschen 08/15 Bronzekunst, schicker Klötzchenhusten am Parkrand und die Wandse fließt halbwegs malerisch durch die gemähten Rasenflächen. In direkter Nachbarschaft bietet der Mühlenteich auch noch eine größere Wasserfläche. Das ist alles recht ordentlich und o.k. aber zieht jetzt halt auch keinen Hering vom Teller. Schöner ist der Hin- oder Wegweg in Richtung Alster immer am Eilbekkanal entlang. Da kann man moderne und nicht so moderne Hausboote staunen, fährt am schönen Kuhmühlenteich und hübschen Unigebäuden vorbei und radelt durch alte Lindenalleen. Und wenn man etwas Glück hat ist unterwegs noch Markttag. Für den Eilbek Park dagegen reicht ein kurzer Zwischenstopp.

Eilbek Park hamburgisch erlebt

Ich muss es leider zugeben. Ich bin (noch) kein Spezialist für den Hamburger Osten. Irgendwie sind ich und die entfernte Ostalster noch nicht so richtig warm geworden. Immer wenn ich da rumfahre finde ich es irgendwie sehr sachlich. Es gibt so eine Art Schönheits- und natürlich auch Mietengradienten in Richtung Alster. Während an der Ostalster sehr nette, urbane Ecken gibt, ist es Richtung Osten in Eilbek oder Horn einfach ein bisschen unspektakulär. Ich würde daher für den Einsteiger empfehlen den Eilbek Park in eine kleine Alsterschleife einzubetten. Wer mit dem Fahrrad um die Alster fährt, nimmt einfach die Abzweigung am Eilbekkanal und fährt den runter bis zum Eilbek Park. Der Weg und die Hausboote sind wirklich malerisch und auch spannend. Vom Eilbek Park aus dann Richtung Norden nach Barmbek zum Museum der Arbeit. Das Museum ist toll, das umgebende Gelände der Hammer und da gibt es auch lecker Essen und Getränke. Vom Museum aus kann man dann Richtung Alster parallel zum Osterbekkanal zurückeiern. Wer mag macht noch einen Zwischenschritt am Kampnagel, einem Kulturzentrum, das zwischen weird und yeah immer wieder gute Unterhaltung oder schöne Verwirrung bietet. Danach einfach die Alsterrunde voll machen und „We survived the Hamburger Osten“ Aufkleber kaufen.

Harburger Stadtpark und alter Friedhof Harburg

Die Harburg Innenstadt ist von solch empörender Hässlichkeit, dass man sich einen mittelalterlichen Poeten wünscht, der sie in länglichen Elogen kunstvoll zerlegt. Eine graue Betonschlucht, zerrissen zwischen Einkaufpassagen aus vier Jahrzehnten zieht sich vom Bahnhof Richtung Stadtpark. Man würde gerne nach verborgenen Schätzen suchen, aber eine Innenstadt an deren Eingang irgendein Sadist gigantische Betonmuttern als „Kunst“ aufgestellt hat, sieht nach wenig aus und vor allem nicht nach verborgenen Schätzen.

Erstaunlicherweise findet man aber kaum die typischen Kettenläden der globalen Einkaufsstraßenarmada, die die Innenstädte dieser Welt wie austauschbare Bühnenhintergründe für die immergleichen Hochglanzprospekte der genormten Warenwelt wirken lassen. Das liegt aber leider nicht etwa daran, dass in der Harburger Innenstadt statt dessen kleine, geschmackvolle Läden wären (wie z.B. im Karoviertel) oder wenigstens irgendwas Verrücktes die Leere füllte. Die Ladenzeilen sind statt dessen längst von billigen Klamottenläden übernommen worden, die den Harburger Chic feiern, der von Mümmelmannsberg bis Billstedt die Problemviertel im Zeichen von looks-like-Karadashian in billig dominiert. Neonlicht glitzert auf billigen Strassapplikationen und enge Tarnfleckleggings versuchen sich erfolglos im Schaufenster des Großstadtdschungels zu verstecken. Immerhin ist die Innenstadt so wieder halbwegs belebt neben den genormten Einkaufswelten des Phönix-Centers, die als seelenloses Quasi-Centrum Harburgs fungieren.

Man hört immer der Süden Hamburgs ist im Kommen aber bis Harburg aus der Asche der jahrzehntelangen Planungszerstörungen steigt ist es wohl eher ein Marathon als ein Sprint. Aber immerhin einer in schicken Sneakern. Für günstige 19,99 €.

So wandert man ordentlich desillusioniert vom Bahnhof Richtung Stadtpark und stolpert prompt über die erste Überraschung. An der Ecke Krummholzberg / Bremer Straße schwebt ein vor Kraft strotzender Weltkriegsheld zwischen den Birken. Den hat man einfach mal stehen gelassen und ihm recht subversiv eine Bronze zu Füßen gestellt in der ein kleiner Junge zwischen den Stahlhelmen der Gefallenen um seinen Vater trauert. Das ist so elegant und eindrucksvoll gelöst, dass man sich kurz fragt warum an all den anderen Heldendenkmälern dieser Welt so etwas noch nicht steht. Siegessäule, Bismarkdenkmal, Arc-de-Triomphe – Kommentarplastiken der Vergessenen jetzt! Passenderweise ist dieses Kommentarplastik am Eingang zum alten Friedhof aufgebaut, den man links neben der Kirche über einen Pfad betreten kann.

Und dieser alte Friedhof ist dann die erst große Harburger Überraschung. Es sagen ja immer alle: „Fahr zum Ohlsdorfer Friedhof“, „Der ist schön der Ohlsdorfer Friedhof!“ Mir hat sich das nie so richtig erschlossen. Ich war mehrfach da und fand es eigentlich eher deprimierend. Auch wenn er schöne Ecken hat der Ohlsdorfer Friedhof: Besonders im Herbst wirkt er eher wie ein halbentwässertes Feuchtgebiet mit phantasielos verteilten Grabsteinen drin. Komischerweise sagt keiner: „Fahr zum alten Friedhof Harburg“, „Der ist schöne der alte Friedhof Harburg!“ Dabei würde DAS stimmen. Verwunschen schmiegen sich alte verlassene Gräber in ein von alten Bäume bestandenes Gelände, in dem man auf kleinen Treppchen und Pfaden langsam aufsteigt als würde man sich in irgendeiner schönen altstadtbeschenkten Metropole des südlichen Deutschlands befinden. (Nun hat auch Harburg eine Altstadt, aber die gewinnt eher den Preis für das niedlichste Stück Altstadt Deutschlands).

Man führt sich kurz von dem Blick einer halb gesichtlosen Grabnymphe verfolgt und stolpert schnell weiter auf eine große Allee, die einen weiter Richtung Stadtpark Harburg führt. Und da erwartet einen dann die zweite Harburger Überraschung. Klar, die Hamburger sind stolz auf ihren Stadtpark und der hat auch seine Momente obwohl er in Sachen Geländedynamik nicht viel hergibt aber der Harburger Stadtpark gewinnt durch K.O. In der dritten Runde. Statt des reichlich gammelig wirkenden Stadtparksees, mit dem Freibad in das ich mich noch nie getraut habe, schafft der deutlich größere Außenmühlenteich eine fast schwedische Atmosphäre. Das liegt nicht zuletzt an dem Saunahäuschen des Mittsommerlandes (das übrigens die mit RIESENABSTAND schönste Saunalandschafts Hamburgs beherbergt) das malerisch am jenseitigen Ufer gelegen auf Fotos wartet.

Nun wäre ein Stadtpark kein Stadtpark ohne irgendwie überformte Landschaft. Und auch wenn hier der Hamburger Stadtpark weit vorne liegt kann sein Harburger Gegenüber mit entspannter Reliefenergie punkten und legt stadtseitig ganz nebenbei noch wirklich schöne, parkige Sichtachsen und Gärten auf die Richtwaage. Dazu kommen ein grünes Amphitheater, ein kleines Schilfmeer mit Holzsteg wenn man langsam am Westufer weiterwandert und eine kleine Teichlandschaft im Süden, die das merkwürdige Schwedengefühl noch vertiefen würde – wenn einen nicht augenblicklich eine Hundertschaft Raubenten auf der Suche nach aufgeweichtem Brot anfallen würde. Man fühlt sich auf dem kompletten circa 3km langen Weg um den See zwischen alten Bäumen und alten Steinen ganz wunderbar andersortig und keinen Hauch nach Harburg. Es kann daher nur empfohlen werden.

Harburger Stadtpark hamburgisch erlebt

Ich würde jetzt eigentlich sagen wollen „Macht einen Bogen um die Harburger Innenstadt“, aber es ist lehrreich und baut so einen schönen Kontrast auf. Es ist ein bisschen wie die traurige Stulle für unterwegs, die mit ordentlich Hunger plötzlich zu einem Käsebrot für Gourmets konvertiert. Daher brav mit der U-Bahn nach Harburg fahren und unterwegs schon mal den Digger-Slang zwischen türkischen und arabischen Unterhaltungen auschecken. Dann ab durch die Einkaufsstraße bis zu dem besagten Denkmal Ecke Krummholzberg / Bremer Straße und schnell auf den alten Friedhof.

Und siehe da es gibt Schönheit in Harburg! Gemütlich über den Friedhof schlendern während Schulkinder zwischen alten Gräbern aus dem Geäst brechen, weil „ey, kürzest Weg, ne?!“ und Grasdämpfe über das Gelände wabern. Ich traf übrigens dort und auch um den Stadtpark nur ausnehmend nette Menschen, die bereitwillig Auskunft gaben. Lasst euch nie von Vorurteilen leiten, vor allem nicht in Harburg – sie werden eh nur enttäuscht.

Wir folgen dem Hauptpfad Richtung Süden, eine sehr harburgige Betonbrücke trägt uns über die A 253 in den Stadtpark. Dort checken wir bei Parkbedarf kurz die Anlagen im Westen aus und folgen dann einem der Pfade zum Seeufer. Vorher überzeugen wir uns noch bei folgender Unterhaltung, dass wir noch in Harburg sind: „Ey Diggi, hör auf zu pfeifen, sonst kommen noch mehr von den Biestern! – Hä was denn, ich darf doch wohl pfeifen, mann?! – Ey Diggi, komm mal klar, hier piept doch schon alles, das nervt, Diggi und wenn du pfeifst kommen da noch mehr, wie soll man da noch chillen, klar?! – Mir doch latte, ich pfeif wann ich will, Alter!! – Ey Diggi, du solltest echt mit dem Shit aufhören mann, sonst wirst du noch selber Vogel, mann! – Alter, du rauchst zu viel, jetzt komm mal runter…- Nee DU kommst runter Diggi, das ist ja unterträglich das Gepiepe!!!

Und dann heißt es einfach durchatmen, Blick schweifen lassen und genießen. Du bist in Schweden, endlose Wälder, klare Seen und weite Natur, das Schilf raschelt sanft im Wind und am Ende der Wanderung wartet eine Blockhaussauna….hey wie praktisch, da steht doch eine Blockhaussauna auf einem Bootssteg! Da wir heute Spendierhosen anhaben, gönnen wir uns mal richtig und kaufen schnell ein Tagesticket für das Midsommerland. Das Bad kann man sich getrost schenken außer man planscht gerne zwischen den gefühlt tausenden schreienden Bälgern der Umgebung während halbstarke Angeber ihre Muskeln am Beckenrand spazieren führen. Also schnell ab in die Saunalandschaft und in der Blockhütte am Ufer braten bis man gar ist und draußen nackt und dampfend den Blick über die kleine Schwedenlandschaft mit dem kleinen, störenden Betongebäude im Hintergrund genießen kann.

Die Saunalandschaft kann übrigens am Wochenende recht voll sein. Hamburg weiß, dass die schön ist. Unter der Woche ist es meist besser. Irgendwann dann grundentspannt und in dieser gemütlichen Post-Sauna-Trance zurück Richtung Harburger Bahnhof. Wer noch nichts zum Kochen für zu Hause braucht, der hat in Harburg tatsächlich Glück. Und da wären wir bei den verborgenen Schätzen, die sich auf den zweiten Blick plötzlich doch offenbaren. Während die billigen Discounter der Umgebung allen Tante-Emma-Läden der Innenstadt den Garaus machen haben sich passend zu der stark gemischten Bevölkerung von Harburg diverse Lebensmittelläden mit Spezialitäten aus aller Herren Länder angesiedelt. Stellvertretend sei der Adese-Markt genannt der Spezialitäten von Anatolien bis Sibirien anbietet. Manches davon ist mit gutem Grund kaum in deutschen Feinkostläden anzutreffen, aber vieles ist eine wirklich gute Ergänzung und in den Läden in Harburg günstiger zu kriegen als anderswo.

Gewarnt sei aber vor den verführerisch glänzenden türkischen Süßigkeiten, die hinterlistig am Ausgang platziert sind. Sie sind nicht besser und vor allem nicht günstiger als in anderen türkischen Läden irgendwo in Hamburg aber genauso schrecklich süß und klebend und als letzte und prägende Erinnerung an einen schönen Orient-meets-Schwedentag in Harburg denkbar unverdient. Auch die Dönerbudenhundertschaft Harburgs ist reichlich phantasielos und scheint sogar das Angebot zwischen Pizzadönerasiatisch voneinander abzuschreiben. Wer trotzdem nicht selber kochen will: Die wie ich finde besseren Läden um lecker türkisch zu essen befinden sich in der Nähe vom Hauptbahnhof Hamburg auf dem Steindamm. Mit ordentlichen Grillspießen und so.

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