Bauernproteste, die: Wegen des Wegfalls einer Subvention, die eine Preissteigerung von 0,24 Cent pro kg Weizen ausmacht, die Republik lahmlegen und von Umsturzphantasien träumen.

Dieser Einstieg ist definitiv übertrieben. Aber er passt damit perfekt in die Zeit. ALLES ist irgendwie zu groß, zu ernst, zu übertrieben, zu gnadenlos und geht immer bei „DEN ANDEREN“ vom bösest möglichen aus.

Also gehen wir mal vom Guten aus: Bauern sind keine homogene Gruppe. Es gab durchaus viele Wortmeldungen von (kleineren) Biobauern aber auch konventionellen Bauern, die sinngemäß meinten „naja klar der Wegfall des Agrardiesels kostet uns rund 3-5.000 € im Jahr aber das ruiniert uns nicht und tatsächlich passt die Vergünstigung eigentlich nicht mehr in die Zeit.“ Und es gibt die Landwirte, die legitimen Protest nach Berlin tragen.

Es gibt aber eben auch die Rechten oder einfach nur Verblendeten, die sich unter legitime Proteste mischen und die aufmischen mit dem Ziel „denen in Berlin“, „den Arbeitsscheuen und faulen Klimaaktivisten, den Fridays-for-Future Gören, den verwöhnten Youtubern“ und der „Horror-Ampel mit ihren Zwangsabgaben“ mal zu zeigen was ne Harke ist. Denn: „Bauern sind Leben“ und „ohne Bauern kein Essen“ und „Steuern sind Raub“.

Und dann steht am Ende ein erstaunlicherweise aufgewiegelter norddeutscher Mob und will am Fähranleger Schlüttsiel „mit Habeck reden“.

Ihre Forderung an den durchaus redebereiten Habeck: Er solle mit Megaphon mit ALLEN reden, nicht „nur“ mit 2-3 Vertretern.

Und allein diese Forderung zeigt die ganze Idiotie, die ganze Verblödung oder vielmehr das gruppenmäßige Nichtdenken des Jetzt. Denn in so Gruppen setzen sich selten die durch, die tatsächlich nachdenken, sondern die die am lautesten brüllen. So Gruppen sind am Ende daher zumeist blöder als der Einzelne. Und genau das ist das Problem.

Habeck kam aus dem Privaturlaub von der Hallig Hooge. Das führt natürlich schon mal zu Enttäuschung. Ein grüner Politiker, der nicht mal eben in die Ferne geflogen ist – und den man deswegen keinen wegen GRÜNER DOPPELMORAL überbraten kann – sondern grundsympathisch mitten im dunkelsten und verregnetsten Winter aller Zeiten Urlaub im Wattenmeer macht. Wird er sich in Zukunft gut überlegen. „Grüne Doppelmoral“ hin- oder her.

Es ist eine Grenzüberschreitung mit einem spontan über Social-Media hinstürzenden Mob einem Politiker im Privatleben zu blockieren. Und mit ihm eine große Zahl Fahrgäste, die komplett unbeteiligt sind. Diese Grenzüberschreitung hält keinem Vergleich mit Klimaklebern stand, die zwar verständlicherweise viele privat nerven aber niemanden gezielt privat attackieren.

Es hilft auch nicht, dass der dieselgeschwängerte vom Agrardiesel hinsubventionierte norddeutsche Mob nunja trotz allem recht norddeutsch war und mithin auf jeden aus dem Süden mutmaßlich eher gedämpft wütend bis erstaunlich entspannt wirkte.

Dieser gedämpft wütende Mob jedenfalls wollte MIT HABECK REDEN!!! Und stellten sich vor, dieser würde nun in leidlich unsicherer Unsicherheitslage mit dem Megaphon vor sie treten um eine Diskussion MIT ALLEN zu führen.

Das wiederum hätte kein basisdemokratischer Asta, kein Studentenparlament dieser Welt dummer fordern können, denn was soll das dann im Ergebnis sein? Ein Politiker brüllt ins Megaphon, eine Menge brüllt zurück, irgendwer macht eine Sirene an, und jeder tritt basisdemokratisch einmal vor während von hinten Beleidigungen oder Kohlköpfe fliegen? Habeck hatte sogar – im Grunde unnötigerweise – angeboten mit Vertreten zu reden und das ist im Lichte der Undurchdachtheit der Aktion noch das Bestmögliche und eigentlich Unverdiente, was zu erreichen war.

Und genau da sind wir im perfekten Sinnbild des Heute: Es ist alles irgendwie zu groß, zu übertrieben und vor allem ZU UNDURCHDACHT. Das Internet bildet aus und mit uns allen Gruppen, die zusammen auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner denken. DIE ANDEREN SIND SCHULD! Irgendwelche Anderen und die Mischen wir jetzt mal auf und wir haben recht und da ist auch schon wieder das DenkEnde des gemeinsamen Nichtdenkens erreicht.

Und dann mischen wir in all das das Locken des Libertarismus. Steuern sind Raub, alles andere sind Zwangsabgeben, alles zusammen „Zerstörung der Mittelschicht“ ABER bestehende Subventionen komischerweise „selbstverständlich!“ obwohl der Kern des Libertarismus wäre, dass Subventionen gar nicht existieren könnten weil der Staat mangels Einnahmen diese Ausgabe gar nicht tätigen könnte.

Die Landwirtschaft in Deutschland wird von 40-60 % aus Steuergeld finanziert. Mehr Staatsnähe gelingt nur Beamten. Da mit dem Libertarismus zu liebäugeln verrät einerseits die irritierende Strahlkraft dieses Nichtdenkkonzeptes und andererseits genau das Nichtdenken, was den häufig rechtslastigen Vertretern dieser Denkschule zupass kommt. Die eigentlich spannende Frage wäre zu überlegen wie diese reichlichen Subventionen klüger verteilt werden können damit gerade kleinere und familiäre Betriebe ein besseres und sichereres Auskommen haben und nicht nach- und nach von Konzernen und Investorenkapital gefressen bzw. durch explodierende Pacht ausgeblutet werden – während ein Lebensmitteloligopol aus ReweAldiLidlEdeka die Preise diktiert.

Statt diese Fragen zu stellen brauen wir da aber gerade mit fröhlicher Beteiligung von rechts bis konservativ ein Gebräu, das Regieren in Zukunft schwierig bis unmöglich macht. Stets angeheizt von der CDU, die im Kern fast lappig mittige Politik – die zu 90 % Fortführung ihrer Groko-Politik ist – als „linksgrüne Heimsuchung“ und „Abgabenwut“ brandmarkt. Einem Aiwanger, der sich in faszinierender Stillosigkeit als Alpentrump gegen „Alles aus Berlin“ positioniert ohne auch nur einmal tiefer nachgedacht zu haben und (Groß)Bauernpräsident und co. die fröhlich mitzündeln, um ihre Pfründe zu verteidigen und gar nicht merken WOLLEN wie sie unterwandert werden.

Wie will man denn in dieser aufgeheizten Destruktion der Idee eines demokratischen Staatswesens noch Wege finden wieder Unterstützung für dieses gemeinsame Projekt zu finden? Diese angeblich „undemokratische“ Ampel ist perfekt demokratisch gewählt und macht seitdem demokratisch Politik, die innerhalb aller demokratisch aufgebauten Leitplanken läuft.

NUR WEIL DIR ETWAS NICHT GEFÄLLT IST ES NICHT UNDEMOKRATISCH.

Es ist nicht mal undemokratisch, wenn es der Mehrheit (zeitweilig oder dauerhaft) nicht gefällt. Das ist das Wesen der repräsentativen Demokratie und das ist häufig auch nicht schlecht, weil die Mehrheit auch nicht immer die Klügsten zusammen bringt.

Aber all diese Erkenntnisse werden gerade aus Machttaktik über den Haufen geworfen und eine Front zwischen Bürgern und Staat aufgebaut. Also eine Front zwischen Bürgern und den selbst gewählten Vertretern ihrer selbst.

All das mit freundlicher Brandbeschleunigung sozialer Netzwerke, die rein zufällig ALLE von libertären und staatskritischen Milliardären betrieben werden, die sich im arroganten Geiste des Silicon Valley still und heimlich einfach nur für die besseren Staatenlenker halten.

Denn die Abwesenheit von Staat ist ja nicht „keine Macht für NIEMAND“ sondern „sehr viel Macht für JEMAND“ – also für Konzerne und damit sehr viel Macht für Milliardäre. Einzelne Milliardäre. Und so sehr man manchmal an Olaf Scholz leidet – von Elon Musk regiert zu werden wäre unterhaltsam aber mit Vorhölle noch freundlich umschrieben. Und halt vor allem: Bei Missgefallen nicht abwählbar. Das bleibt dann. Der bleibt dann. Für immer.

Libertarismus ist ein uneinlösbares Versprechen, ist im Kern schon eine sich widersprechende und viel zu radikale Ideologie, die wie eine Fata Morgana wegen menschlicher Unzulänglichkeiten stets unerreichbar bleibt. Sie ist damit genau wie alle anderen Ideologien, die so gnadenlos in der Geschichte und am Menschen gescheitert sind und dabei nicht selten sehr, sehr viele Menschenleben gekostet haben. Mit etwas Glück spielt Argentinien (sorry Argentinien) das rechtzeitig für uns durch, mit etwas Pech wird das Gift der Libertären vorher die Idee eines demokratisch gewählten Staates für alle zersetzt haben.

Denn immer lockt in der Ferne das Versprechen „Hey du musst nichts diskutieren oder kompliziert aushandeln mit Menschen, die anders denken als du – im Libertarismus machst du einfach worauf DU BOCK HAST, es gibt keine Steuern aber trotzdem wie von Geisterhand alles was ein Staat – also genau diese Steuern finanzieren. ES WIRD GEIL. SO GEIL WIE DER FREIE MARKT!“ Die Erkenntnis, dass man im Libertarismus vor allem macht, was ein Milliardär will, die kommt erst später. Zu spät.

Daher: Wenn wir den Laden hier am Laufen halten wollen, dann sollten wir alles mal eine Nummer versöhnlicher und gutwilliger betrachten. Auch übrigens Demonstrationen – denn die gehören zu einem modernen liberalen Staat. Egal ob da nun Klimaschützer oder Landwirte demonstrieren. Und wir sollten vielleicht mal sehen, was wir da haben. Wie gut es uns geht und wie gut es uns gehen kann wenn wir zusammenarbeiten statt aus Egoismus, Eigennutz, Machttaktik und Blindheit das Klima jeden Tag ein bisschen mehr zu vergiften und zu erhitzen. Das ist anstrengend, da muss man viel reden und weniger brüllen oder deklarieren, man muss mitnehmen oder wenigstens nicht komplett unnötig vor den Kopf stoßen und man kriegt nicht alles was man will aber: Es ist der Weg.

Ständige neue Grenzüberschreitungen, die dann später in Social-Media für „legitim“ erklärt werden weil „Die Gegenseite sie ja unvermeidlich macht!“ führen früher oder später zur AfD-freundlichen Destruktion unseres Gemeinwesens und das wird Deutschland für uns ALLE schlechter machen.