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Wem gehört die Stadt?

Du hast vielleicht einen Aushang gefunden oder bist über Social Media auf dieser Seite gelandet und ich suche deine Geschichte. Wie viele andere suchst du ein bezahlbares Heim in Hamburg. Und wie ich und viele andere wirst du gemerkt haben wie sich die Spirale aus Spekulation, Geldgier, Aufwertung, Zuzug und Anlageobjekt immer schneller dreht. Wie die Stadt immer mehr zu einem Ort wird, der rein dem Geld zu dienen scheint und die Menschen darüber vergisst, die ihn überhaupt erst lebenswert und zu etwas Besonderem machen. Wie immer mehr Menschen von der Fliehkraft dieser Bewegung in das gesellschaftliche Abseits gedrängt werden.

Um die Menschen wieder in den Mittelpunkt zu rücken suche ich deine Geschichte. Um sie der Stadt zurück zu geben. Warum bist du auf der Suche? Warum ist es so schwer eine Wohnung zu finden? Was war dein absurdestes Erlebnis bei der Wohnungssuche? Ich werde alle Geschichten dokumentieren und anonymisiert in diesem Blog sammeln. Am Ende werde ich die eindrucksvollsten zu einem Song verdichten und verbreiten. An dieselben Laternenpfähle und Ampeln hängen an denen die Wohnungssuchen der Verzweifelten hängen. Du kannst auch mit dem Hashtag #diestadt bei Twitter oder Instagram posten. Das kriege ich auch mit.

Denn ich bin überzeugt dass es einen anderen Weg gibt als den, den Hamburg mit seiner fast unbegrenzt wachsenden Stadt geht. Letztendlich tut Hamburg damit nichts anderes als das Monster immer weiter zu füttern und größer werden zu lassen. Wie es anders geht zeigt Wien. Wien hat schlicht durch einen sehr hohen Anteil an genossenschaftlichem Wohnraum dafür gesorgt, dass ein großer Teil des Wohnens dem Markt entzogen wurde. Mit durchschlagendem Erfolg. Bis heute sind die Mieten in Wien trotz der hohen Lebensqualität fast durchgehend günstig und steigen kaum an. Die deutsche Politik dagegen zuckt entweder die Achsel oder versucht mit untauglichen Werkzeugen wie der Mietpreisbremse Schönheitskorrekturen zu machen während die Investoren nur müde lächeln. Klar, auch in Wien ist nicht alles perfekt (zum Beispiel fehlt hier am unteren Ende sozialer Wohnraum) aber es zeigt dass es auch anders geht.

Wenn du mir deine Geschichte schreiben willst wie du bei der absurden Wohnungsbesichtigung warst, wo die Leute bis auf die Straße standen und der Makler wie üblich scheißunfreundlich, wie du deine Wohnung nach der xten Mieterhöhung verloren hast, oder, oder, oder….freue ich mich. Und vielleicht wird ein Song daraus. (Natürlich verwende ich alles anonym) Dein „Captain Futura“ alias „Jörn macht Musik“. Schreib mir auf Facebook:

https://www.facebook.com/joernmachtmusik/

oder auch gerne per Mail an jpb(add)einmannmusik.de

Denn Wir sind #diestadt

Artikel zum Thema:

https://www.berliner-zeitung.de/berlin/berlin-4-millionen/von-wien-lernen-wie-sich-preiswertes-wohnen-in-zukunft-organisieren-laesst-31604122

Angela

Du lächelst. Aber ich sehe kein Lächeln. Ich sehe ein Maske. Und dahinter? Die ideen- und visionslose Leere einer Zeit in der sich die Politik längst zum Erfüllungsgehilfen des Status Quo gemacht hat des „irgendwie-weiter-so“. Du hast ein Monster geschaffen Angela. Ein Monster, dass sich Realpolitik nennt. Ein Monster, dass alle Visionen, Ideen und Richtungen mit einem Lächeln frisst und doch gesichtslos bleibt. Aber du sitzt einfach da, lächelst und sagst dass doch alles gut ist und dass es uns gut geht. Nein Angela, nichts ist gut. Gar nichts. Es geht mir auch nicht gut. Doch, vielleicht geht es mir gut. Eigentlich sogar sehr gut. Aber da draußen vor der Tür sind hunderttausende, Millionen, Milliarden Menschen denen geht es gar nicht gut und denen wird es noch viel schlechter gehen. Genau wie uns.

Da draußen sind Menschen die reißen sich den Arsch auf für Ihren Lebensunterhalt in Jobs, die ich selbst mit zehntausend Miese auf dem Konto nicht freiwillig machen würde. Da draußen sind Menschen die denken sie haben eine Chance aber sie haben gar keine, alles was da ist ist eine weichgespülte Seifenblase der Versprechungen eine Fata Morgana eines irgendwie besseren Lebens, das mit jedem vierhunderteurojob nur noch weiter wegrückt. Da draußen ist ein Planet der allmählich durchgegrillt wird während du wie eine Gallionsfigur auf einem verchromten Kühlergrill mit einem Lächeln alle Klimaschutzanstrengungen der letzten Jahre zunichte machst. Arbeitsplätze bei deutschen Großwagenherstellern retten damit wir deutschen nicht zu einem Volk von Kleinwagenfahrern verkommen. Aber hey mach dir keine Sorgen, hat doch keiner gemerkt.

Als du das erste mal gewählt werden solltest erschienst du mir irgendwie nicht fassbar, wie eine weiße Wand. Leider lag ich damit vollkommen richtig. Du bist wie eine weiße Wand. Eine Wand auf die jeder seine kleinbürgerlichen Wünsche von Ruhe, Nichveränderung und Geborgenheit projezieren kann. Und ein Lächeln von dir dazu. Aber diese Welt ist nicht geborgen. In dieser Welt wird schon unser seelig verdummtes Lächeln von der NSA überwacht und sollten wir mal nicht mehr seelig dumm lächeln erst recht. Und diese Welt verändert sich, jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde. Und du? Du verwaltest Realpolitik. Beim Amt wärst du vielleicht meine liebste Sachbearbeiterin, weil du so verlässlich wärst und meinungsfrei. Nur als Kanzlerin in einer Zeit in der es uns nur noch zufällig gut geht bist du völlig fehl am Platze.

Denn das ist es ja: Eine Reihe von glücklichen Zufallen durch die es uns noch gut geht. Eine gigantische Chance, eine Verantwortung die wir nutzen müssten. Um etwas zu tun! Etwas zu verändern. Nicht um etwas zu verwalten. Dieses eine Mal könnte Deutschland seiner Verantwortung gerecht werden, nicht durch Großmannstum oder Besserwisserrei sondern durch vorbildliches Handeln. Indem wir zu unseren Werten stehen. Weil wir es uns leisten können! Indem wir keine Panzer nach Saudi Arabien, Indonesien  oder wohin auch immer verkaufen. Weil wir das nicht nötig haben. Und die Energiwende, eine ganze Welt schaut auf uns und fragt sich ob wir die Energiewende schaffen und was machen wir? Kurz vor dem Ziel fangen wir an uns nur noch irgendwie durchzuwurschteln, uns im Kleinklein zu verirren. Aus Angst vor dem Bürgerzorn wird alles nur noch halb gemacht oder verschleppt oder gar nicht, mutwillig gekürzt, pervertiert, die Großbetriebe befreit und am Ende kann man dann sagen: „Hätte eh nicht funktioniert“ Doch, es hätte funktioniert und es wird funktionieren. Aber ohne dich, dafür mit Menschen die davon eine Vision habe für das Danach.

Ich habe dich beim TV-Duell gesehen. Auch wenn ich mich an keine einzige Aussage von dir erinnern kann habe ich dich gesehen. Und für einen Moment sogar den Mensch Angela. Als du Peer von der Seite angesehen hast. Wenn Blicke töten könnte er wäre augenblicklich mit einer schweren Herzattacke zu Boden gesunken. Aber Alice Schwarzer sagt du hättest ihn so interessiert und nett von der Seite angesehen. Alice Schwarzer, die offensichtlich irgendjemand mal in einer Talkshow vergessen hat und jetzt sitzt sie da, ernährt sich zwischen den Auftritten von Schnittchen und sagt ab und zu zu einem beliebigen Thema dass die Angela doch symphatisch rüberkommst. Die Angela, die die Herdprämie verwurstet hat, die eine klare Quotenregelung für Frauen in Vorstandsetagen verhindert hat. Die Angela, die damit die Schuld daran trägt, dass Frauen die nicht noch härter als die Männerwelt sein wollen es weiterhin nicht dorthin schaffen, wo sie eine wirkliche Bereicherung wären. Nicht als Frauen, sondern einfach als Menschen denen Konkurrenz, Machtgehabe und eiskaltes Abservieren der Konkurrenz nicht alles ist. Du dagegen bist oben, ganz oben. Ohne Quote. Und dein Blick war nicht nett. Er war eiskalt. Er hat gesagt: “ Was maßt sich dieser unwichtige Fettnäpchentreter, dessen Name ich nicht einmal nenne, an, mir hier tatsächlich Paroli bieten? Mit Sachargumenten zu kommen?“ Du hast dir vorgestellt wie du ihne genauso abservieren wirst wie all die unglücklichen Männergestalten aus deinem Kabinett. Jung, Guttenberg, Röttgen, Wulff. Bei dir ist kein Platz für eigenen Machtanspruch oder Dissenz. Nur für Machtanspruch von deinen Gnaden bei uneingeschränkter Folgsamkeit bei deiner Irrfahrt ohne Kompass durch die Stürme der Globalisierung.

Dieses Land leidet unter Merkelismus, unter akuter Visionslosigkeit. Ein neues Biedermeier der Politik, das sich irgendwie schön anfühlt aber das wir uns überhaupt nicht leisten können.
Du bist der Wärmetod der Demokratie – indem du jede Position kassierst und hinweglächelst werden die überlebenswichtigen Anstöße und Bewegungen abgefangen bis nur noch ein leichtes Zittern bleibt und tönende Stille der Meinungslosigkeit. Wie in einem Kopfhörer mit Noise Cancelling Technologie setzt du jeder klaren Aussage eine annähernd ähnliches aber komplett folgenloses Statement entgegen, was bleibt ist einlullende Fahrstuhlmusik und zwischendurch die Ansage, dass doch alles gut ist und wir uns entspannen sollen.

Die Sueddeutsche hat jüngst Politiker gefragt ob sie über eine rote Ampel gehen würden, wenn es niemanden gefährdet. Aber du Angela, du würdest niemals über eine rote Ampel gehen aber über jede grüne. Egal wo sie dich hinführt. Nichts ist gut Angela. Aber du lächelst.

John McEnroe und die Frauen: Ganz großes Medientennis.

Mal in Sachen Shitstorm und Medien ein schönes Beispiel. Ein Interview mit John McEnroe.

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Garcia-Navarro: We’re talking about male players but there is of course wonderful female players. Let’s talk about Serena Williams. You say she is the best female player in the world in the book. Ein Interview mit John Mc Enroe

McEnroe: Best female player ever — no question.

Garcia-Navarro: Some wouldn’t qualify it, some would say she’s the best player in the world. Why qualify it?

McEnroe: Oh! Uh, she’s not, you mean, the best player in the world, period?

Garcia-Navarro: Yeah, the best tennis player in the world. You know, why say female player?

McEnroe: Well because if she was in, if she played the men’s circuit she’d be like 700 in the world.

Garcia-Navarro: You think so?

McEnroe: Yeah. That doesn’t mean I don’t think Serena is an incredible player. I do, but the reality of what would happen would be I think something that perhaps it’d be a little higher, perhaps it’d be a little lower. And on a given day, Serena could beat some players. I believe because she’s so incredibly strong mentally that she could overcome some situations where players would choke ’cause she’s been in it so many times, so many situations at Wimbledon, The U.S. Open, etc. But if she had to just play the circuit — the men’s circuit — that would be an entirely different story.

………………..

Für dieses Interview hat John McEnroe einen veritablen Shitstorm bekommen. Was ist passiert: Die Interviewerin fängt selber an (auf Basis eines Buchzitats) Tennis in Männer und Frauen zu trennen um dann John McEnroe dafür zu kritisieren, dass er schlicht da weiter macht. Sie fragt dann so lange weiter bis sie eine knallige Headline hat. Diese Headline wird natürlich von the Win genutzt und der Rest des Interviews verschwindet in der medialen Spirale komplett. Was bleibt? „if she played the men’s circuit she’d be like 700 in the world.“ Dieser Satz verbreitet sich weltweit und schließlich setzt Serena Williams wütende Tweets ab. Weil, muss ja. John McEnroe entschuldigt sich ein wenig (aber zum Glück nur halb) und die Sache ebbt ab. Das faszinierende: In dem kompletten Interview finden sich eigentlich nur lobende fast schon bewundernde Worte über Serena Williams. Und der durch die Interviewführung fast schon erzwungene aber sachlich vermutlich korrekte Hinweis, dass Serena Williams im Männertennis lange nicht so weit oben stehen würde. Was ungefähr so ist als würde man sagen, dass ein Mittelgewichtsboxer im Schwergewicht vermutlich nicht Weltmeister wäre – aber in seiner Gewichtsklasse trotzdem der beste Boxer oder die beste Boxerin aller Zeiten. Ich finde das spannend weil es einerseits zeigt wie Medien Diskurse gezielt in die Eskalation bringen und andererseits ein großer Teil der Öffentlichkeit (also von uns) Menschen nur nach ihren Leistungen bewertet. Wäre unser erster Leitsatz im Kopf „Jeder Mensch ist unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe und wasauchimmer gleich viel wert“ könnten wir auch akzeptieren dass Frauentennis einfach eine andere Klasse ist als Männertennis. Es genauso wertschätzen und die mentale und körperliche Leistung der Frauen bewundern. Da aber offensichtlich der Satz in unserem Kopf ist „Ein Mensch der mehr leistet ist auch mehr wert“ bauen wir uns ein Hilfskonstrukt und behaupten einfach dass z.B. Serena Williams auch im Männertennis Nr. 1 wäre. Da es nie wirklich getestet wurde haben wir anscheinend die Situation einer Schrödingerisches Tennisspielerin. Serena Williams ist vielleicht die Nr. 1 im Männertennis vielleicht aber auch die Nr. 700. Ganz tief hinten im Kopf sagt uns aber etwas, dass sie vermutlich deutlich näher bei der 700 als bei der 1 ist. Aber das wollen wir nicht hören weil wir Menschen nach Leistung werten, aber inzwischen endlich und zum Glück gelernt haben, dass Frauen und Männer gleich viel wert sind. Eine der Annahmen kann dann nicht stimmen und unsere kapitalistische Leistungswertlogik ist unbewusst und wir wollen sie nicht hinterfragen. Also überschütten wir lieber John McEnroe mit Häme und Kritik um wieder ein konsistentes Weltbild zu haben. Scheißmacho, alter Knochen, Sexist. Die eigentlichen ungerecht wertenden waren aber wir. Denn das Frauentennis ist selbstverständlich genauso spannend, faszinierend und eine sportliche Ausnahmeleistung wie das Männertennis. Und es käme auch niemand auf die Idee im Boxen die Gewichtsklassen abzuschaffen oder zu sagen: „Er hat ja heute den Weltmeistertitel im Weltergewicht gewonnen aber das ist ja eigentlich nichts wert, denn er würde ja gegen jeden Schwergewichtsboxer verlieren!“ Wer anderer Ansicht ist kann eigentlich konsequenterweise nur dafür plädieren Männer und Frauentennis zusammenzulegen.

Daher man kann es glaube ich nicht oft genug wiederholen: EIN MENSCH IST EIN MENSCH. UND IMMER GLEICH VIEL WERT. Trotzdem gibt es Unterschiede und es ist sinnvoll diese zu sehen statt sie schlicht zu negieren. Denn ansonsten gewinnt am Ende keiner. Auch nicht Serena Williams im Männertennis.

Wohlerspark

Der Wohlerspark gilt als der Geheimtipp unter den Hamburger Parks. Als ehemaliger Friedhof fristet er heute ein hübsch untotes Dasein zwischen alten Gemäuern. Er ist tatsächlich sehr pittoresk aber auch recht klein, was ihn aus irgendeinem unerfindlichen Grund zu DER Jogginglocation für junge bis mittelalte Frauen in Hamburg zu machen scheint. Mir würde es ja tierisch auf die Eierstöcke gehen alle fünf Minuten an derselben Stelle vorbei zu kommen und immer an Mauern längs zu laufen. Die meisten Menschen joggen an solchen Stellen nur weil sie eine Straftat begangen haben aber im Wohlerspark ist das – warum auch immer – anders. Vielleicht ist irgendwo ein Portal in eine andere Joggingdimension, der Belag der Wege macht 0,001 kmh schneller, das Stockholmsyndrom ist schuld, die Kopflinden senden Pheromone aus oder – was ich für wahrscheinlichsten halten – der Park ist so beliebt weil er sehr schwer einsehbar ist. Denn dadurch kann man zwischendurch gut mal zwischen den Büschen verschnaufen ohne dass es einer merkt und so elegant die neuesten Joggingklamotten spazieren führen und immer auf der Höhe des hübschen Hipsters auf der Bank kurz mit federnden Schritten vorbeischweben. Den Hauptweg der einmal außenrum führt sollte man jedenfalls zu Feierabend zügig queren, am schönsten ist es eh in der versteckten Ecken zwischen alten Gräbern und unter eindrucksvollen Bäumen vor allem im Nordwesten. Dort jedenfalls entwickelt der Wohlerspark seine ganz eigene Atmosphäre und es wurden bestimmt schon so einige kleine Nachwuchshipster oder -Gruftis zwischen den tief herabhängenden Zweigen der Trauerlinde gezeugt.

Wohlerspark hamburgisch erlebt

In Spätsommer oder Herbst einfach mal richtig früh aufstehen und dann im Frühnebel durch eines der geheimnisvollen Tore den Park und die Zwischenwelt betreten bis irgendwann die ersten Sonnenstrahlen des Tages auf die bunten Blätter fallen. Bevor der letzte Nebel schwindet schnell noch eine Ziege auf einem der Gräber opfern, südlich aus dem Park und die Thadenstraße Richtung Osten. Entweder in der Thadenstraße in ein Cafe oder nochmal rechts in die Bernstoffstraße mit bestem Pauliflair und weiteren Cafes und/oder Bäckern.

Entenwerder

Schön ist es nicht dieses Entenwerder. Jedenfalls sicher nicht so klassisch parkschön. Es riecht ordentlich fischig nach Nordseekäse leicht überreif, liegt wie eine überdimensionierte Verkehrsinsel zwischen Land- und Wasserstraßen und in der Mitte sind einfach nur zwei große Rasenflächen und ein Spielplatz, der sich auch in den 80ern wegen Modernität nicht hätte schämen müssen. Trotzdem lohnt sich der Weg – nicht so sehr wegen des Parks aber wegen des Wegs, der Ausblicke und der Umgebung. Und wegen Bootssteg, Cafe und goldener Pavillion da so ganz unten im Südosten. Entenwerder liegt direkt an den Elbbrücken über die fast aller Verkehr, ob nun per Auto oder Bahn, von Hamburg aus nach Süden raus- oder reingeht. Eingefriedet von gigantischen Steinpackungen und von der Norderelbe umströmt kann man an der Westspitze stehend den Anglern und dem rastlosen Treiben auf- und unter den Brücken zuschauen. Überhaupt diese Angler. Es gibt vermutlich keinen geheimnisvollen und noch so versteckten Ort im Hafen an dem man sie nicht trifft. Ich habe noch nie jemanden in den trüben Fluten der Elbe was fangen sehen aber vielleicht geht es darum auch gar nicht. Vielleicht geht es nur darum beim Angeln zu sein und nicht woanders, aber das ist auch nur eine Theorie. Entenwerder jedenfalls ist gleichfalls beliebt bei Anglern und Hundehaltern. Uns dagegen zieht es eher Richtung Café, denn um mir mein Essen zu angeln fehlt mir leider die nötige Geduld. Der Platz auf dem Bootssteg und der Blick sind großartig und das Essen und der Kaffee durchweg ordentlich bis sehr gut – der Preis ist auch recht ordentlich aber erklärt sich wohl auch durch den Platz. Sagen wir es so: billig ist es nicht aber was ist in Hamburg schon billig und der Ort ist das Geld wert. Ein Hauch von Zauber umweht die bunten Stühle, den goldenen Pavillion (der den Entenwerder Elbpiraten eine Heimstatt bietet) und den ganzen phantasievoll gestalteten Bootssteg. Im Norden von Entenwerder ist für alle Naturfreunde noch ein Schilf- und Verlandungsbereich für Teichrohrsänger und co. als Ausgleichsfläche entstanden. Das ist schön für die Natur und auch durchaus nett fürs Auge – wobei Entenwerder auch hier visuell eher auf der rustikalen Seite des Lebens bleibt. Abends ist Entenwerder so eine Art abgelegener Partykeller für alle Formen von elektronischen Tanzmusikabenden. Ob Spontanrave oder drei-Stunden-wach (…drei Tage geht eher nicht weil vorher die Polizei kommt) hier ist gerne und häufig was los und wer einmal zur falschen Zeit mit dem Rad in der S21 Richtung Entenwerder (Rothenburgsort) stand, hat einen ungefähren, schmerzhaften Eindruck was für Menschenmassen plötzlich auf dieser sonst eher einsamen Parkinsel aufschlagen. Dafür machen plötzlich die großen Rasenflächen Sinn und die Ausblicke, die tagsüber schon mal etwas trostlos wirken können, wirken nachts geheimnisvoll und wildromantisch. Bis jemand neben einem den Hosenschlitz öffnet und schwankend in die Steinpackungen pisst.

Entenwerder hamburgisch erlebt

Nach Entenwerder reist man unbedingt mit dem Rad an. Einerseits ist es mit Öffis eher schlecht zu erreichen, andererseits ist der Radweg von der City aus so ziemlich das heißeste Miststück an urbaner Blickgeilheit was Hamburg zu bieten hat und man rollt auf dem perfekt ausgebauten Weg smooth wie auf ner rasierten Ananas. Also brav Ecke Hauptbahnhof auf Fixie oder Stadtrad-Panzer und dann zwischen Deichtorhallen und Spiegelhaus durch immer schön an der Hafenkante vom Oberhafen vorbei. Nicht zu verpassender Einsatzpunkt für den Radweg ist 53°32’44.0″N 10°00’26.3″E (bei google eingeben) bei der Oberhafenbrücke. Von da aus immer nach Südosten den Radwegschildern folgen bzw. einfach immer an der Hafenkante bleiben und genießen. Macht den Radweg bei Sonne oder zumindest halbwegs gutem Wetter bei Regen ist es eher kein Spaß. Bei 53°32’08.6″N 10°01’40.5″E kurz vor Entenwerder und den Elbbrücken kommt man noch bei einem malerischen alten (und abgefucktem) Kran vorbei der sich als perfektes Fotomotiv anbietet). Dann rechtsseitig unter den Elbbrücken durch weiter Richtung Park (Wer groß ist passt ein bisschen auf die Birne auf). An der Nordwestspitze von Entenwerder ein bisschen Verkehr gucken, mal kurz auf dem Spielplatz auf dem Reifen schaukeln, dann ab ins Cafe oder im Südosten ein bisschen auf den Bänken in der Sonne abhängen. Warten bis es dunkel wird und das Wummern auf der großen Wiese loslegt. Inzwischen leichte Kopfschmerzen von der Sonne und der angestrengten Haltung auf dem Stadtrad, aber kein Problem! Irgendjemand auf der Party, die langsam startet, hat ein paar Schmerzpillen im Angebot. Zwei Stunden später sind die Kopfschmerzen immer noch da, aber dafür möchtest du plötzlich die ganze Welt umarmen. Da ein Baum, der guckt aber nett, der Baum, ach und so eine weiche Rinde, lass uns kuscheln! Was machen denn jetzt die Bullen hier, woah ist die süß die blonde Polizistin, und so eine weiche Haut, lass uns kuscheln! Warum sind da große Eisenstäbe und was macht der Riesentyp da neben mir in dem speckigen Unterhemd, aber eine weiche Haut hat er, ach lass uns kuscheln…

Naturschutzgebiet Eppendorfer Moor

Mitten in der Stadt und einfach nur brutal schön. Danach möchte man spontan große Teile Hamburgs Wiedervernässen. Zum Beispiel Harburg. (Ja in Harburg ist längst nicht alles hässlich aber mindestens die Innenstadt kann nur ein Sadist geplant haben) Einziger Wermutstropfen ist, dass das Eppendorfer Moor an zwei Seiten an großen Straßen endet und weiter nördlich der Flughafen angrenzt. Man kann also je nach Windrichtung zwischen Flugfeld- und Straßenlärm wählen. Das Maß ist aber erträglich und wird durch die optischen Eindrücke allemal wett gemacht.

Besonders schön ist es in der Mitte an den Teichen. Ein Pfad führt zwischen den beiden Hauptgewässern durch und den nordöstlichen Teich sollte man auf jeden Fall einmal umlaufen haben. Wie auch in anderen Naturschutzgebieten hat die Stadt Hamburg hier ein paar erhöhte Aussichtspunkte gebaut, die einen um geschätzt legendäre 30 cm größer machen und mir so das Gefühl geben einmal so groß wie der durchschnittliche Holländer zu sein aber aussichtsmäßig eher homöopathische Veränderungen mit sich bringen. Finanziell waren sie aber vermutlich ein bedeutsamer Posten und das ist ja schon mal was.

Weiter nördlich grenzt eine große Auswahl an Kleingartengebieten an in der man vielleicht im Herbst noch den ein- oder anderen Apfel klauen kann, ansonsten ist man auf dem Rückweg im Süden leider sehr schnell wieder in der Hamburger Autostadtrealität. Aber zum Glück ist der Grünzug der Alster mit Bootsstegen und Cafés nicht weit. Das Moor ist menschenmäßig belebt aber nicht überfüllt.

Leider lassen viele dieser Homo Hundiens ihre Lieblinge schön leinenlos durch das Unterholz stöbern, was hart gedankenlos bis hart daneben ist, weil Hunde auf ihren wilden Wegen alles verscheuchen was unter Mammutgröße ist. Daher liebe Hundebesitzer: Bitte einfach mal anleinen und Hund später auf der Alsterwiese Selbstoptimierungs-Jogger jagen lassen. Macht doch eh viel mehr Spaß wenn man da so ein halbherziges „Nein, Hasso nicht! Hasso, nein! kommst du zurück! Nein Hasso, ohne Jogger! Lässt du ihn da liegen! Hasso?!“ hinterher rufen kann.

Besonders schön ist das Moor – natürlich – im Herbst wenn die bunten Blätter fallen und in der Dämmerung der Nebel aufzieht. Dann kriegt man auch einen kleinen großstädtischen Eindruck davon warum Moore früher als verwunschene und nicht ganz geheure Orte galten. Vorsicht bei Fotoexperimenten, denn auch wenn es für zukünftige Generationen bestimmt cool wäre die ein oder andere Moorleiche zu entdecken: Nasse Füße sind meist nur einen Schritt entfernt. Aber das ist wohl auch irgendwie eine Binsenweisheit…

Eppendorfer Moor hamburgisch erleben

In der Nachmittagssonne einmal um die beiden Weiher in der Mitte, an dem nordöstlichen Weiher im Nordosten auf der Bank Platz nehmen und eine Runde Sonnebaden. Die gierig einfallenden Enten NICHT füttern. Die kacken sonst nur das Moor zu und überdüngen es weiter. Nachdem man eingenickt ist verstrahlt aufwachen, ein paar Selfies gegen die Sonne machen, den Reihern zuschauen, die sich um einen Frosch prügeln und weiter Richtung Alster und Cappuccino.

An der Alster Selfies anschauen und merken, dass die alle überbelichtet sind. Gegenlicht. War halt auch irgendwie klar. Selfies löschen und merken, dass das was wichtig ist kein blödes Selfie sondern eine schöne Erinnerung ist. Da so im Herzen. Mit Wärme, Gegenlicht und einem zarten Hauch von Liebe. Ganz rührselig werden und Freundin anrufen. Ach nee, die sitzt ja neben dir, mann, mann wie peinlich…

Eilbek Park

Ein Park wie ein ordentliches Butterbrot. Bei Hunger und Faulheit eine gute Wahl, aber wenn man Bock auf was Besonderes hat zieht man besser weiter. Ein bisschen Wald, ein bisschen Wiese, ein bisschen Spielplatz, ein bisschen 08/15 Bronzekunst, schicker Klötzchenhusten am Parkrand und die Wandse fließt halbwegs malerisch durch die gemähten Rasenflächen. In direkter Nachbarschaft bietet der Mühlenteich auch noch eine größere Wasserfläche. Das ist alles recht ordentlich und o.k. aber zieht jetzt halt auch keinen Hering vom Teller. Schöner ist der Hin- oder Wegweg in Richtung Alster immer am Eilbekkanal entlang. Da kann man moderne und nicht so moderne Hausboote staunen, fährt am schönen Kuhmühlenteich und hübschen Unigebäuden vorbei und radelt durch alte Lindenalleen. Und wenn man etwas Glück hat ist unterwegs noch Markttag. Für den Eilbek Park dagegen reicht ein kurzer Zwischenstopp.

Eilbek Park hamburgisch erlebt

Ich muss es leider zugeben. Ich bin (noch) kein Spezialist für den Hamburger Osten. Irgendwie sind ich und die entfernte Ostalster noch nicht so richtig warm geworden. Immer wenn ich da rumfahre finde ich es irgendwie sehr sachlich. Es gibt so eine Art Schönheits- und natürlich auch Mietengradienten in Richtung Alster. Während an der Ostalster sehr nette, urbane Ecken gibt, ist es Richtung Osten in Eilbek oder Horn einfach ein bisschen unspektakulär. Ich würde daher für den Einsteiger empfehlen den Eilbek Park in eine kleine Alsterschleife einzubetten. Wer mit dem Fahrrad um die Alster fährt, nimmt einfach die Abzweigung am Eilbekkanal und fährt den runter bis zum Eilbek Park. Der Weg und die Hausboote sind wirklich malerisch und auch spannend. Vom Eilbek Park aus dann Richtung Norden nach Barmbek zum Museum der Arbeit. Das Museum ist toll, das umgebende Gelände der Hammer und da gibt es auch lecker Essen und Getränke. Vom Museum aus kann man dann Richtung Alster parallel zum Osterbekkanal zurückeiern. Wer mag macht noch einen Zwischenschritt am Kampnagel, einem Kulturzentrum, das zwischen weird und yeah immer wieder gute Unterhaltung oder schöne Verwirrung bietet. Danach einfach die Alsterrunde voll machen und „We survived the Hamburger Osten“ Aufkleber kaufen.

Harburger Stadtpark und alter Friedhof Harburg

Die Harburg Innenstadt ist von solch empörender Hässlichkeit, dass man sich einen mittelalterlichen Poeten wünscht, der sie in länglichen Elogen kunstvoll zerlegt. Eine graue Betonschlucht, zerrissen zwischen Einkaufpassagen aus vier Jahrzehnten zieht sich vom Bahnhof Richtung Stadtpark. Man würde gerne nach verborgenen Schätzen suchen, aber eine Innenstadt an deren Eingang irgendein Sadist gigantische Betonmuttern als „Kunst“ aufgestellt hat, sieht nach wenig aus und vor allem nicht nach verborgenen Schätzen.

Erstaunlicherweise findet man aber kaum die typischen Kettenläden der globalen Einkaufsstraßenarmada, die die Innenstädte dieser Welt wie austauschbare Bühnenhintergründe für die immergleichen Hochglanzprospekte der genormten Warenwelt wirken lassen. Das liegt aber leider nicht etwa daran, dass in der Harburger Innenstadt statt dessen kleine, geschmackvolle Läden wären (wie z.B. im Karoviertel) oder wenigstens irgendwas Verrücktes die Leere füllte. Die Ladenzeilen sind statt dessen längst von billigen Klamottenläden übernommen worden, die den Harburger Chic feiern, der von Mümmelmannsberg bis Billstedt die Problemviertel im Zeichen von looks-like-Karadashian in billig dominiert. Neonlicht glitzert auf billigen Strassapplikationen und enge Tarnfleckleggings versuchen sich erfolglos im Schaufenster des Großstadtdschungels zu verstecken. Immerhin ist die Innenstadt so wieder halbwegs belebt neben den genormten Einkaufswelten des Phönix-Centers, die als seelenloses Quasi-Centrum Harburgs fungieren.

Man hört immer der Süden Hamburgs ist im Kommen aber bis Harburg aus der Asche der jahrzehntelangen Planungszerstörungen steigt ist es wohl eher ein Marathon als ein Sprint. Aber immerhin einer in schicken Sneakern. Für günstige 19,99 €.

So wandert man ordentlich desillusioniert vom Bahnhof Richtung Stadtpark und stolpert prompt über die erste Überraschung. An der Ecke Krummholzberg / Bremer Straße schwebt ein vor Kraft strotzender Weltkriegsheld zwischen den Birken. Den hat man einfach mal stehen gelassen und ihm recht subversiv eine Bronze zu Füßen gestellt in der ein kleiner Junge zwischen den Stahlhelmen der Gefallenen um seinen Vater trauert. Das ist so elegant und eindrucksvoll gelöst, dass man sich kurz fragt warum an all den anderen Heldendenkmälern dieser Welt so etwas noch nicht steht. Siegessäule, Bismarkdenkmal, Arc-de-Triomphe – Kommentarplastiken der Vergessenen jetzt! Passenderweise ist dieses Kommentarplastik am Eingang zum alten Friedhof aufgebaut, den man links neben der Kirche über einen Pfad betreten kann.

Und dieser alte Friedhof ist dann die erst große Harburger Überraschung. Es sagen ja immer alle: „Fahr zum Ohlsdorfer Friedhof“, „Der ist schön der Ohlsdorfer Friedhof!“ Mir hat sich das nie so richtig erschlossen. Ich war mehrfach da und fand es eigentlich eher deprimierend. Auch wenn er schöne Ecken hat der Ohlsdorfer Friedhof: Besonders im Herbst wirkt er eher wie ein halbentwässertes Feuchtgebiet mit phantasielos verteilten Grabsteinen drin. Komischerweise sagt keiner: „Fahr zum alten Friedhof Harburg“, „Der ist schöne der alte Friedhof Harburg!“ Dabei würde DAS stimmen. Verwunschen schmiegen sich alte verlassene Gräber in ein von alten Bäume bestandenes Gelände, in dem man auf kleinen Treppchen und Pfaden langsam aufsteigt als würde man sich in irgendeiner schönen altstadtbeschenkten Metropole des südlichen Deutschlands befinden. (Nun hat auch Harburg eine Altstadt, aber die gewinnt eher den Preis für das niedlichste Stück Altstadt Deutschlands).

Man führt sich kurz von dem Blick einer halb gesichtlosen Grabnymphe verfolgt und stolpert schnell weiter auf eine große Allee, die einen weiter Richtung Stadtpark Harburg führt. Und da erwartet einen dann die zweite Harburger Überraschung. Klar, die Hamburger sind stolz auf ihren Stadtpark und der hat auch seine Momente obwohl er in Sachen Geländedynamik nicht viel hergibt aber der Harburger Stadtpark gewinnt durch K.O. In der dritten Runde. Statt des reichlich gammelig wirkenden Stadtparksees, mit dem Freibad in das ich mich noch nie getraut habe, schafft der deutlich größere Außenmühlenteich eine fast schwedische Atmosphäre. Das liegt nicht zuletzt an dem Saunahäuschen des Mittsommerlandes (das übrigens die mit RIESENABSTAND schönste Saunalandschafts Hamburgs beherbergt) das malerisch am jenseitigen Ufer gelegen auf Fotos wartet.

Nun wäre ein Stadtpark kein Stadtpark ohne irgendwie überformte Landschaft. Und auch wenn hier der Hamburger Stadtpark weit vorne liegt kann sein Harburger Gegenüber mit entspannter Reliefenergie punkten und legt stadtseitig ganz nebenbei noch wirklich schöne, parkige Sichtachsen und Gärten auf die Richtwaage. Dazu kommen ein grünes Amphitheater, ein kleines Schilfmeer mit Holzsteg wenn man langsam am Westufer weiterwandert und eine kleine Teichlandschaft im Süden, die das merkwürdige Schwedengefühl noch vertiefen würde – wenn einen nicht augenblicklich eine Hundertschaft Raubenten auf der Suche nach aufgeweichtem Brot anfallen würde. Man fühlt sich auf dem kompletten circa 3km langen Weg um den See zwischen alten Bäumen und alten Steinen ganz wunderbar andersortig und keinen Hauch nach Harburg. Es kann daher nur empfohlen werden.

Harburger Stadtpark hamburgisch erlebt

Ich würde jetzt eigentlich sagen wollen „Macht einen Bogen um die Harburger Innenstadt“, aber es ist lehrreich und baut so einen schönen Kontrast auf. Es ist ein bisschen wie die traurige Stulle für unterwegs, die mit ordentlich Hunger plötzlich zu einem Käsebrot für Gourmets konvertiert. Daher brav mit der U-Bahn nach Harburg fahren und unterwegs schon mal den Digger-Slang zwischen türkischen und arabischen Unterhaltungen auschecken. Dann ab durch die Einkaufsstraße bis zu dem besagten Denkmal Ecke Krummholzberg / Bremer Straße und schnell auf den alten Friedhof.

Und siehe da es gibt Schönheit in Harburg! Gemütlich über den Friedhof schlendern während Schulkinder zwischen alten Gräbern aus dem Geäst brechen, weil „ey, kürzest Weg, ne?!“ und Grasdämpfe über das Gelände wabern. Ich traf übrigens dort und auch um den Stadtpark nur ausnehmend nette Menschen, die bereitwillig Auskunft gaben. Lasst euch nie von Vorurteilen leiten, vor allem nicht in Harburg – sie werden eh nur enttäuscht.

Wir folgen dem Hauptpfad Richtung Süden, eine sehr harburgige Betonbrücke trägt uns über die A 253 in den Stadtpark. Dort checken wir bei Parkbedarf kurz die Anlagen im Westen aus und folgen dann einem der Pfade zum Seeufer. Vorher überzeugen wir uns noch bei folgender Unterhaltung, dass wir noch in Harburg sind: „Ey Diggi, hör auf zu pfeifen, sonst kommen noch mehr von den Biestern! – Hä was denn, ich darf doch wohl pfeifen, mann?! – Ey Diggi, komm mal klar, hier piept doch schon alles, das nervt, Diggi und wenn du pfeifst kommen da noch mehr, wie soll man da noch chillen, klar?! – Mir doch latte, ich pfeif wann ich will, Alter!! – Ey Diggi, du solltest echt mit dem Shit aufhören mann, sonst wirst du noch selber Vogel, mann! – Alter, du rauchst zu viel, jetzt komm mal runter…- Nee DU kommst runter Diggi, das ist ja unterträglich das Gepiepe!!!

Und dann heißt es einfach durchatmen, Blick schweifen lassen und genießen. Du bist in Schweden, endlose Wälder, klare Seen und weite Natur, das Schilf raschelt sanft im Wind und am Ende der Wanderung wartet eine Blockhaussauna….hey wie praktisch, da steht doch eine Blockhaussauna auf einem Bootssteg! Da wir heute Spendierhosen anhaben, gönnen wir uns mal richtig und kaufen schnell ein Tagesticket für das Midsommerland. Das Bad kann man sich getrost schenken außer man planscht gerne zwischen den gefühlt tausenden schreienden Bälgern der Umgebung während halbstarke Angeber ihre Muskeln am Beckenrand spazieren führen. Also schnell ab in die Saunalandschaft und in der Blockhütte am Ufer braten bis man gar ist und draußen nackt und dampfend den Blick über die kleine Schwedenlandschaft mit dem kleinen, störenden Betongebäude im Hintergrund genießen kann.

Die Saunalandschaft kann übrigens am Wochenende recht voll sein. Hamburg weiß, dass die schön ist. Unter der Woche ist es meist besser. Irgendwann dann grundentspannt und in dieser gemütlichen Post-Sauna-Trance zurück Richtung Harburger Bahnhof. Wer noch nichts zum Kochen für zu Hause braucht, der hat in Harburg tatsächlich Glück. Und da wären wir bei den verborgenen Schätzen, die sich auf den zweiten Blick plötzlich doch offenbaren. Während die billigen Discounter der Umgebung allen Tante-Emma-Läden der Innenstadt den Garaus machen haben sich passend zu der stark gemischten Bevölkerung von Harburg diverse Lebensmittelläden mit Spezialitäten aus aller Herren Länder angesiedelt. Stellvertretend sei der Adese-Markt genannt der Spezialitäten von Anatolien bis Sibirien anbietet. Manches davon ist mit gutem Grund kaum in deutschen Feinkostläden anzutreffen, aber vieles ist eine wirklich gute Ergänzung und in den Läden in Harburg günstiger zu kriegen als anderswo.

Gewarnt sei aber vor den verführerisch glänzenden türkischen Süßigkeiten, die hinterlistig am Ausgang platziert sind. Sie sind nicht besser und vor allem nicht günstiger als in anderen türkischen Läden irgendwo in Hamburg aber genauso schrecklich süß und klebend und als letzte und prägende Erinnerung an einen schönen Orient-meets-Schwedentag in Harburg denkbar unverdient. Auch die Dönerbudenhundertschaft Harburgs ist reichlich phantasielos und scheint sogar das Angebot zwischen Pizzadönerasiatisch voneinander abzuschreiben. Wer trotzdem nicht selber kochen will: Die wie ich finde besseren Läden um lecker türkisch zu essen befinden sich in der Nähe vom Hauptbahnhof Hamburg auf dem Steindamm. Mit ordentlichen Grillspießen und so.

Park Fiction

Der Park Fiction ist das Wohnzimmer von St. Pauli und auf eine Art urban, dass selbst das Wort urban vor Schreck schamesrot zusammenzuckt und schnell in die Schule läuft um die Oberstufe des Stadtlebens zu wiederholen. Er ist wie magisch verdichtete Urbanität an einem Ort an dem normalerweise vermutlich einfach eine der üblichen Betonprotztreppen wäre. Anders gesagt: Wer nicht im Park Fiction war hat Hamburg nicht gesehen. Jedenfalls nicht das „andere“ Hamburg. Das in dem Menschen in ihrem Dasein und nicht in ihrer Funktion das Sagen haben.

Ermöglicht wurde er durch den Druck einer Anwohnerinitiative, die verhinderte, dass der letzte Rest offener Hafenrand bebaut wurde. Entwickelt wurde er von Anwohnern, Interessierten und Künstlern zusammen und nicht wie sonst so gerne (siehe Hafencity) durch großspurige Stadtplaner die wissen „was gut für euch ist“. Das Gelände ist klein und gar kein Park in eigentlichem Sinne, eben eher die Fiktion eines Parks, aber gerade das macht es so herrlich absurd passend. Direkt an einem der schönsten Hafenblicke gelegen kann man seine Hängematte zwischen zwei Palmen aufhängen oder auf einer der großen Graswellen den Tag vorbei ziehen lassen, während um einen das Leben von St. Pauli tobt. An das Hamburger Wetter angepasst sind die Palmen aus (rostfreiem) Stahl aber das macht es nur noch richtiger im Falschen.

Der Park Fiction ist nicht schön in eigentlichem Sinne, es liegen Müll und Grasscherben herum, natürlich ist die komplette Umfriedung beschmiert und in den abends wabernden Grasdämpfen ist vermutlich schon der ein- oder andere Eppendorfer in Steppjacke und Seglerschuhen in Ohnmacht gefallen und mit einem Gesichtstattoo und in Frage gestellten politischen Ansichten wieder aufgewacht. Aber an wenigen Orten in Hamburg fühlt man sich so herrlich urban gelassen. Sei wie du bist wie du bist, mach dich nicht fertig Junge, das lohnt sich nicht, häng dich lieber an die Reling, schau auf die Docks da drüben oder beobachte die Hafenfähren und die Touriboote wie sie blöde winken und ach Arbeit, was solls, morgen ist auch noch ein Tag. Oder übermorgen. Dazu gibt es natürlich das Feinste von Elektro bis Reggae auf die Ohren. Nicht meine Musik, aber zu dem Ort passt es halt einfach.

Da der Park Fiction so klein ist, ist die eigentliche Show auch nicht das Entdecken des Parks sondern die Menschen, die ihn beleben. Wer schlau ist holt sich vorher am Kiosk was Gemütliches zum Trinken und plant ne Stunde um einfach nur dazusitzen und die Stimmung wirken zu lassen (Für die harten Astra, für alle die ihrem Gaumen nicht zu sehr wehtun wollen lieber ein Ratsherrn Pale Ale und für die ohne Alkohol Apfel- oder Rhabarbersaftschorle von der Lütauer Mosterei – die ist klein und unterstützenswert und der Shit ist sehr lecker). Und ja man darf den Park auch ohne Ganzkörpertattos und Maxi-Piercings betreten. Ich muss es wissen. Ich war da und Nadeln lass ich nur beim Weihnachtsbaum-Aufstellen an mich ran.

Park Fiction hamburgisch erlebt

Die eigentliche Funktion des Park Fiction liegt in dem transzendenten Feld zwischen entspannten, emsigen und sportlichen Nichtstun – kurz dem funktionslosen Füllen der Zeit je nach Gusto der handelnden Person. In deutsch gesagt: Wer gerne „was macht“ um die Zeit zu füllen spielt Basketball oder läuft rum und macht Fotos vom Hafen, wer lieber andere machen lässt hängt sich auf die Wellen oder unter die Palmen und genießt Astra, Pale Ale oder Schorlendingsbums. Wichtig ist nur die Ziellosigkeit des Ganzen: Sonst ist es nicht Park Fiction.

Wenn es genug der Ziellosigkeit ist und man noch niemandem gefunden hat mit dem man über die Aneignung des urbanen Lebensraums oder die politische Lage in den Diktaturen dieser Welt diskutieren konnte bewegt man sich gemächlich die Hafenstraße runter um noch mal besetze Häuser zu schauen. An der Hafentreppe kann man im Vorbeigehen eine unlösbare Gemengelage aus Drogendealern, linker Szene und überfordertem Rechtsstaat betrachten und weiter Richtung Landungsbrücken schlappen. Merke: Die Probleme der Stadt kriegen selten die zu spüren, die die auslösende Ungleichheit herbeiführen – aber dafür haben sie meist umso mehr eine Meinung davon wie man lösen sollte, was nicht zu lösen ist, außer man geht die Ursache an…

An den Landungsbrücken je nach Nervenkostüm noch an die Wasserkante zwischen die Touristen-Hundertschaften oder lieber direkt zur Ubahn. Alternativ kann man natürlich auch vom Park Richtung Reeperbahn oder Schanze oder überhaupt andersherum und vorher in Pauli feiern, dann Park Fiction für den Sonnenaufgang und weiter Richtung Fischmarkt. Aber das ist hier ein Parkführer, ich werde im Leben kein Reeperbahnfan mehr und mir doch egal wie ihr euren Tag gestaltet. Hauptsache ihr macht nix Sinnvolles. Und abgesehen davon werde ich euch bestimmt NICHT sagen wo ich gerne feier sonst isses da am Ende auch noch voll. Also immer brav auf die Reeperbahn zum JungesellInnenabschied, ja?!

Jenischpark

Die Mutter aller Parks. Feiner Elbblick, der Park gönnt sich eine charmante Kombination aus englischem Rasen und eigener Buchenwildnis nebst Bach, Brückchen und pittoreskem Landhaus. Da im Sommer alle an der Elbe sind ist der Park direkt dahinter erstaunlicherweise nie wirklich voll und in vollen Zügen genießbar. Die große Wiese in der Mitte erlaubt diverse sportliche Aktivitäten bei berauschendem Blick, versteckter Liegen kann man Richtung See oder Flottbektal bzw. Reemtsmapark, ist aber auch scheißegal wo genau, ein Spaziergang und selber entdecken macht eh am meisten Spaß. Geht auf jeden Fall einmal durch das Buchenwäldchen und um den Teich rum. Und am Bachlauf längs wo sich sogar im Park noch ein Naturschutzgebiet versteckt. Zwischendrin findet sich am Rand vom Naturschutzgebiet noch ein phantasievolles Hexenhäuschen mit Gründach, das man gesehen haben sollte. Es ist nach historischen Vorbild gebaut und man erwartet so ein bisschen eine fies lachende Kräuterhexe, die einen in eine Kröte verwandelt. Mir ist bisher noch keine begegnet, aber ich war auch nur tagsüber da. Sicher ist sicher. Oben links (Mein Geographielehrer würde mich killen) gibts das Ernst-Barlach-Haus, da kann man Kunst gucken. Überraschenderweise von Ernst Barlach aber auch von wechselnden Ausstellungen. Nicht die A-Liga der Hamburger Museen aber okay. Sehr zu empfehlen war Ralphs Café. Das war da noch so ein bisschen weiter links. Da war es so idyllisch und lecker dass man danach erst mal ne halbe Stunde Nachrichten mit Terror und Morden lesen musste um wieder runter zu kommen. Jetzt gibt es das nicht mehr, weil da irgendwas in die Gewächshäuser gebaut werden soll. Ich hoffe sehr dass da wieder was Nettes kommt und nicht so Standardcafestangenware aber meine Hoffnung ist eher bescheiden. Aber man wird sehen… Das elegante Jenisch-Haus als Urmutter aller Reiche-Bitches-Hamburg-Villen beherbergt Historisches und ein Café. Ich war da noch nicht drin, ich trau mich nicht in weiße Villen ohne Graffiti, da hat mich Mutti vor gewarnt.

Jenischpark hamburgisch erlebt

Eine Runde Wikingerschach auf der Hauptwiese mit Elbpanorama, Peter das Wurfholz vors Schienbein knallen (selber Schuld wer nicht schnell genug wegspringt), Idylle genießen bis irgendein weiß gekleidetes Kind anfängt zu heulen, dann Verdauungspaziergang um Teich und Buchenwäldchen zu Elbe und Teufelsbrück runter und mit der Hafenfähre zum HVV-Tarif zurück zu den Landungsbrücken aka Reiche-Leude-Tach für 10 Tacken. Geht doch!

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