Tag: Hamburg (page 2 of 2)

Naturschutzgebiet Raakmoor

Der Dr. Jekyll und Mr. Hyde unter den Hamburger Parks. Optisch Crème brûlée, akustisch Krem Brüllee. Direkt in der Einflugschneise von Fuhlsbüttel gelegen wird der paradiesische Anblick sanfter Moorwiesen und goldrot schimmernder Weiher jäh von infernalischen Flugzeuglärm zerschnitten. Und das alle drei Minuten. Wer also nicht extrem schwerhörig, taub oder an der Max-Brauer-Allee aufgewachsen ist plant besser nur einen kurzen Fotoausflug. Am besten mit Fahrrad um nach dem Nervenzusammenbruch schnell wieder weg zu kommen.

In der Mitte ist ein wildromantisch schillernder Moorsee mit Libellen und allem was dazu gehört, es gibt immer wieder Aussichtspunkte und das ganze Gebiet wird von pittoresken Moorbächen durchzogen, die man auf geheimnisvollen Wegen mit Holzstegen und Brücken erkunden kann bis man sich wieder vor Schreck auf den Boden wirft weil ein Flugzeug in gefühlter Grasnarbenhöhe rüberdonnert. Weiter nordöstlich sind noch die Naturdenkmälter Hüsermoor und Ohlkuhlenmoor und ein verdammt hoher begehbarer Müllberg von dem aus man vermutlich per Anhalter bis nach Fuhlsbüttel fliegen kann. Tagsüber begegnet man im Raakmoor vor allem Joggern. Merkwürdigerweise haben fast alle Stöpsel drin…

Raakmoor hamburgisch erlebt

Ohropax nicht vergessen oder Walkman mit Entspannungsmusik und Noise-Cancelling-Kopfhörern auf volle Lautstärke. Oma oder schwerhörige Verwandte zum Ausflug in die Natur einladen. Besonders schön ist es bei dem kleinen See in der Mitte, da also unbedingt einmal rum und Fotos machen, ansonsten einfach mal den Pfaden irgendwie folgen bis man es nicht mehr aushält. Dann schnell zum Fahrrad und auf dem Weg fast in ein Reh laufen, das mitten auf dem Pfad steht und einen nicht gehört hat weil es längst taub ist (Achtung! Apropos taub – in der Hektik Oma nicht vergessen!) und falls Mittagszeit zur Block-House-Zentrale ins Industriegebiet. Lademannbogen 129 gibts ne Cafeteria in der man auch als Gast von 13-15 Uhr richtig reinhauen kann. Man kauft sich am Automaten ein Mittagsmenü und dann kann man ordentlich schlemmen und die Ruhe genießen und spätestens nach dem Cappuccino (inklusive, wie auch Salat, Getränke und Vorsuppe) ist man Omas neuer Lieblingsenkel und das war den Fluglärm doch irgendwie wert…

Lohsepark

Nach fest kommt lohse und das erklärt vermutlich wie Hamburg in großspurigen Worten diesen neuesten Park auf den Hinweistafeln feiert. Man hätte bei der Gestaltung eines komplett neuen Stadtteils in direkter Nachbarschaft zur City die Chance gehabt ein echtes Stück Lebensraum zu gestalten und dem Hafen eine grüne Lunge zu schenken. Statt dessen ist ein schmaler Streifen Grün entstanden und dahinter lässt die Hafencity außer dem rechten Winkel irgendwie die rechte Linie vermissen und wirkt wie ein Sammelsurium von einer Architekturausstellung. Die bestimmende Farbe der Hafencity ist und bleibt das betongrau. Das soll vermutlich abstrakte Weite erzeugen und Weltstadtanspruch zementieren.

Das wird auch so im Lohsepark durchgezogen, der für eine Grünfläche erstaunlich hohe Versiegelungsgrade erreicht. Er ist dabei nicht direkt scheiße, nur halt auch einfach nicht besonders geil. Er hat ziemlich coole Megaschaukeln im Norden, (Props dafür), einen ordentlichen Basketballcourt, dauerhafte Slacklines und einen amtlichen Spielplatz. Er hat auch 500 schon erstaunlich große heimische Bäume (was vielleicht die Afd freut, aber vermutlich auch wieder nicht da auch heimische Bäume Natur sind und der kann man NIE trauen), tolle Panoramen auf seinen südlichen Teilstücken und sogar Irgendwas-mit-Nazis.

Aber Natur oder Seele oder gemütlich hat man leider vergessen. Kommt vielleicht irgendwann mit dem Zerfall, aber derzeit läuft man halt durch, macht Fotos und geht danach irgendwo nen Kaffee trinken wo Stadtplaner nix mehr zu melden haben und die Bewohner das Ruder übernommen haben. Zudem liegt der Lohsepark rein zufällig direkt an der Hauptzugstrecke nach Süden, auf der so ziemlich 100% alle Züge aus Hamburg rausdonnern. So ergibt sich zusammen mit den quietschenden Baukränen ein interessantes Akustikpanorama. Besonders lächerlich ist das nördlichste Ministück wo sowas wie freie Natur sein soll – auf einem Gelände das gefühlt kleiner ist als ein durchschnittliches Hamburger WG-Wohnzimmer.

Kurz: Es fühlt sich ein wenig an wie der Besuch in einer unterkühlten Designer Bude. „Interessant, respekt, schick hier, das muss teuer gewesen sein und Schatz es ist schon sooo spät ich glaube wir müssen los!?“ Das Denkmal zum Hannoverschen Bahnhof wo deportierten Sinti, Roma und Juden gedacht werden soll sieht auch nicht billig aus und feiert einmal mehr den Beton in allen Ausprägungen. Es zeigt viel guten Willen, emotional hinterlässt es soviel bleibenden Eindruck wie der komplette Park. Ja, es gibt Sichtachsen, Reste der Gleise und die Namen aller von hier aus Deportierten. Also alles wie sich das gehört für so ein Denkmal. Und jetzt? Ich kenne niemanden der da steht und sehe keinen Grund seitenweise Namen zu lesen. Im Hintergrund donnern die Züge der Hauptverkehrsader vorbei und mir würden spontan circa 20 Ideen einfallen wie man aus dieser Gemengelage etwas wirklich Bewegendes hätte schaffen können. So bleibt es irgendwie oberflächlich und auf Korrektheit First bedacht. „Wir haben ordentlich Beton hingekippt, es gibt einen Durchgang durch den man schreiten kann, alle Namen sind untergebracht, die Erklärungen sind nicht zu lang und wir haben ein Gedenkstein,…läuft Leute! Holocaustdenkmalcheckliste abgehakt, Wochenende!“

Im Kleinen illustrieren auch die überall im Park platzierten Bänke den Geburtsfehler des Ganzen. Sie sind so konstruiert, dass man auf ihnen steif sitzen kann. In der Sonne liegen ist dagegen maximal ungemütlich gemacht. Vermutlich werden sie aber eh früher oder später von Problemkindern zerlegt und dann werden irgendwann hoffentlich die langweilen Standardmodelle hingebaut. Am spannendsten ist es im Lohsepark noch in den südlichen Ecken und Teilstücken des Parks, hier hat man tolle Ausblicke auf den Hafen und die Bautätigkeiten im Rest der wachsenden Hafencity, den Rest KANN man sich ansehen, muss aber nicht.

Lohsepark hamburgisch erlebt

Mit der U2 vom Hauptbahnhof Nord Richtung Niendorf Markt fahren und zu spät merken, dass man in der beschissenen U4 sitzt die vom selbem Gleis abfährt. Wo man schon mal drin sitzt einfach die 8 Minuten in einer verwaisten Ubahn zur Endhaltestelle „Hafencity Universität“ fahren. Die Haltestelle hat ne nice Lichtshow und ist tatsächlich architektonisch gelungen. In der Haltestelle nicht wie die anderen Verpeilten direkt zum gegenüberliegenden Bahnsteig um den nächsten Zug zurück zu nehmen sondern einfach mal Richtung Ausgang.

Kaum draußen fast von Touristen auf dem Segway umgenietet werden, die hoffentlich die nächste Böe ins Hafenbecken kloppt. Einmal kurz durch den Park nach Norden latschen und die Schaukeln am nördlichen Ende feiern. Wenn der Magen vom Schaukeln leicht flau wird schnell das Denkmal Hannoverscher Bahnhof direkt daneben anschauen. Dann kann man sich einreden das im Magen wäre ein Gefühl und das Denkmal hätte einen emotional hart bewegt. Nach dem dritten vorbeidonnernden ICE Richtung Süden (nicht vergessen ein paar der hässlichen Bänke zu taggen!) und zum Wegbrot coole Hafenpanoramen reinziehen. Über die Baakenhafen Brücke zum Hafencity Viewpoint, Fotos von Elphi (Diese Abkürz. ist so urgs) und co. machen.

Wenn der Hunger kommt Richtung Überseeboulevard und da zu Andronaco für ne Mörderpizza (Der Rest ist o.k. aber nicht sooo geil). Da es leider keine Karten mehr für das Konzert in der Elphi gab statt dessen abends, nachdem man es leid ist über Architekturstudenten zu stolpern, Richtung MS Stubnitz südlich des Lohseparks. Das ist ein alter Frachtdampfer, der zu einem veritablen Partyschiff umgebaut wurde und einen Hauch von Anarchie und vor allem guter Laune in die Betonwüste bringt. Feiern bis die lila Wolken überm Hafen aufziehen, ein letztes Bier an Deck, in die Ferne schauen und feuchte Augen kriegen. Ach Hamburg. Tor zur Welt. Hättest du doch nur nicht so fleißige Stadtplaner.

Botanischer Garten

Fragst du 10 Hamburger war mit Glück einer im botanischen Garten. Und zehn im Stadtpark. Und das gilt es zu ändern. Zwar wurde der Botanischer Garten wie das Volkssparkstadium Opfer einer sponsorenbasierten Umbenennung in Loki-Schmidt Garten und ich hab jetzt immer den hinterhältigen Loki aus den Thor Filmen von Marvel vor Augen, aber trotzdem bleibt er einer der schönsten Grünplätze Hamburgs. Sozusagen das bessere Planten & Bloomen. Genauso gratis (bzw. gegen Spende) Auch so ein bisschen Betoncharme. Aber der Charme wird deutlich größer geschrieben. Einen Bambuspfad der einfach mal mehr knallt als der gammelige Bambusrest der mir als solcher einst in China verkauft wurde. Ein Stück kanadisch-pazifischer Urwald der einen auch ohne Scotty kurz um den halben Erdball beamt. Und auch und gerade Ecken die so ein bisschen vergessen wirken, das Geld fehlt, Brücken sind wegen „Sicherheitsbedenken“ gesperrt (und wären vermutlich in jedem anderen Land der Welt weiterhin geöffnet, dehalb: …Schild? welches Schild?) und mir geht das Herz auf. Perfektion war nie mein Ding weil er keinen Raum lässt und der Botanischer Garten hat genau die richtige Balance zwischen geordneten Bereichen, Blütenmeer und verwunschenen und halb verwilderten Bachecken. Übrigens: Falls ihr die Tropengewächshäuser sucht, die sind in Planten & Bloomen. Dafür hat der botanische Garten das bessere Cafe.

Botanischen Garten hamburgisch erlebt

Mit der S-Bahn zur Station Klein Flottbek fahren. Am Eingang zum Botanischen Garten die Bronzestatue studieren, die vermutlich die einzige Bronzestatue der Welt ist, die tatsächliche eine Aussage hat außer „hier stehe ich, weil die Stadtverwaltung irgendwie Geld über hatte“. Circa 2 Stunden Zeit mitnehmen, beim Eintritt rechts rum, dann kommt das Highlight Bambusweg zuletzt. Unbedingt bei den Giftpflanzen vorbei, Schilder studieren, ein paar Inspirationen für den nächsten Thriller oder das nächste Trennungsvorhaben mitnehmen und sich danach ganz wunderbar lebendig fühlen.

Danach kommen so Rosen und ein Wüstenpavillon, das knallt jetzt vom Ding her nicht so, ruhig zügig weiter. Zwischendurch kommen noch Nutzpflanzen, das sagt mir was weil Essen und ich liebe Essen, aber vermutlich nicht für alle so spannend. Danach entweder illegaler Inselübertritt bei den Monsterkarpfenteichen, oder besser rechts rum, da kommt die Urwaldecke mit Holzstegen. Und wir lieben Holzstege. Weil das immer so ein bisschen Indiana Jones ist. Hach.

Das Pflanzensystem ist recht neu, gar nicht mal so uninteressant aber irgendwie noch nicht so richtig eingewachsen. Schöner ist es hinten rechts, da so den großen Bogen unbedingt durch Asien (deutlich geiler als in Planten & Bloomen), Fotofinger wundschießen, kurz über die Alpengipfel und ein paar Gemsen jagen, dann durch verwunschene Moore, Heideflächen, Wälder und entlang der Bachläufe. Eigentlich meine Lieblingsecke. Dann im Cafe schön Kaffee und Kuchen (ganz o.k. kann man echt machen) Duft- und Tastgarten ist im Arsch (Geld steckt in der Hafencity und der Elbphilharmonie, da kann man nix machen, Hamburger „Beton-first-policy“) und schließlich zum Abschluss den Bambusweg. Wer dann noch „richtige“ Natur will kann sich unter der Station Klein Flottbek durch fast lückenlos verlaufende und verwilderte Parks Richtung Elbe durchschlagen, sich am Strand ein Feierabendbier gönnen und mit der Fähre zurück Richtung Landungsbrücken. Da ist man dann aber auch fix und foxi wenn man ankommt…

Schanzenpark

Ein Park wie ein räudiger Straßenköter. Wer sich an einem schönen Sommerabend gerne mit Drogen eindecken möchte, um danach high am Fuße des Wasserturms zu der Musik aus circa 24 verschiedenen mitgebrachten Ghettoblastern vor und zurück zu wippen, ist hier genau richtig. Da aus unerfindlichen Gründen auf allen Ghettoblastern im Schanzenpark nur Elektro zu laufen scheint ist das Übersprechen der Boxen sogar nüchtern halbwegs erträglich.

Weniger erträglich sind die Müllberge nach Ende der Spontanraves, die am folgenden Tag zwischen Joggern und Hunden über Schanzenwiese und Wege verwehen bis die Stadtreinigung sich endlich erbarmt. Der Schanzenpark hätte so schön sein können, doch irgendein geldgeiles Mitglied des Hamburger Pfeffersackfilzes muss irgendwann auf die Idee gekommen sein den Wasserturm der majestätisch über allem thront in ein Mövenpick-Nobelhotel zu verwandeln. Jeder weiß, dass Mövenpick Eis viel zu süß ist und Mövenpick-Hotels viel zu teuer und so passierte was passieren musste: Dem Schanzenpark wurde für ein paar Milliönchen „unter Freunden“ das Herz entrissen. Statt eines möglichen Kulturzentrums sitzt hier nun die reiche Klasse in ihrem Raumschiff und schaut auf den Pöbel herab. Derweil kämpft sich unten die Polizei zwischen Alkis auf der sinnlosen Suche nach Drogen durch Büsche und fährt über den Hauptweg Streife. Übrigens haben die Reichen ihren eigenen Zugang von hinten durch die kalte Küche bei Umgehung des Parkes. Natürlich.

Kommen wir zum Positiven: Wirklich unsicher ist der Park nicht, die Drogendealer wollen sich ihr Geschäft nicht kaputt machen, auch spät nachts und allein hab ich nie wirklich unsicher gefühlt. Aber ich fühl mich auch sehr selten nachts unsicher, vielleicht bin ich kein guter Unsicherheits-Seismodingsbums. An dem Ende des Parks Richtung Planten & Bloomen, versteckt in den Bäumen, gibt es Fußballplätze. Im Cafe Sternchance kann man sich im netten Garten einen wirklich ordentlichen Mittagstisch gönnen, während die Kinder Backe-backe Kuchen spielen und Sand essen. Der Cappuccino ist auch ganz veritabel. Kurz hinterm Mövenpick-Hotel steht im Sommer entweder ein Zirkuszelt mit diversen auch kinderfähigen Veranstaltungen und Sommermärchen-Public-Viewing oder Freiluftkino ist angekündigt. Das Zirkuszelt ist ganz cool, das Freiluftkino säuft eigentlich Jahr für Jahr ab. It’s Hamburg, you know.

In Richtung Schanzenbahnhof gibts direkt vorm Schanzenbahnhof in Verlängerung des Parks die Kaffeetanten mit linker Gesinnung, gutem Kaffee und leckerem aber für die Post-Drogen-Fressattacke definitiv viel zu kleinem Quiche. Hier empfiehlt sich eher einen der jüngst exponentiell gewachsenen Falafelläden anzusteuern. Der Klassiker „Falafelstern“. Die waren vorher da. Sehr lecker auch Kimo. Der war zwar später da, aber seine Merguez- oder Shawarma-Teller sind in Sachen Preis-Geschmacks-Menge-Verhältnis schwer zu toppen. Ach so und irgendwo versteckt in den Bäumen gibt es noch so einen ganz coolen Fußballkäfig, ich sag aber nicht wo, da spiel ich manchmal und ich will nicht dass da noch mehr nervige Kinder aufkreuzen. Im Winter ist die Schanzenwiese an den seltenen Tagen spontaner Zusammenkunft von Schnee und kalter Witterung ein Schlitteneldorado für alle unter 7 und die sehr leicht Begeisterbaren und Faulen dadrüber. Also mich zum Beispiel. Wers härter braucht fährt Richtung Altona und Elbhang.

Schanzenpark hamburgisch erlebt

Am Falafelstern einen Sternfalafel holen (Das riesige Teil für 4€ mit allen Vorspeisen drin, auch mit Schawarma oder den Hackbällchen, die nie da sind, lohnt sich das, die eigentlichen Falafel sind öde) oder zu Kimo wenns ein Teller sein soll, bei den Kaffeetanten einen Cafe Togo, dann gemütlich durch den Park schlendern, nicht auf das „Alles gut“, „tsss, tsss…“ der Dealer reagieren, den Kroaten bei ihrem ominösen Boule-Boccia-Derivat zuschauen und schließlich am ewigen Feuer der Rastafaris beim Spielplatz die Hände wärmen. Es geht übrigens die Legende um, dass an dem Tag an dem das Feuer der Rastafaris ausgeht und sie aufhören zu tanzen, Störtebecker wieder aufersteht und Olympia nach Hamburg bringt.

 

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