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Wohlerspark

Der Wohlerspark gilt als der Geheimtipp unter den Hamburger Parks. Als ehemaliger Friedhof fristet er heute ein hübsch untotes Dasein zwischen alten Gemäuern. Er ist tatsächlich sehr pittoresk aber auch recht klein, was ihn aus irgendeinem unerfindlichen Grund zu DER Jogginglocation für junge bis mittelalte Frauen in Hamburg zu machen scheint. Mir würde es ja tierisch auf die Eierstöcke gehen alle fünf Minuten an derselben Stelle vorbei zu kommen und immer an Mauern längs zu laufen. Die meisten Menschen joggen an solchen Stellen nur weil sie eine Straftat begangen haben aber im Wohlerspark ist das – warum auch immer – anders. Vielleicht ist irgendwo ein Portal in eine andere Joggingdimension, der Belag der Wege macht 0,001 kmh schneller, das Stockholmsyndrom ist schuld, die Kopflinden senden Pheromone aus oder – was ich für wahrscheinlichsten halten – der Park ist so beliebt weil er sehr schwer einsehbar ist. Denn dadurch kann man zwischendurch gut mal zwischen den Büschen verschnaufen ohne dass es einer merkt und so elegant die neuesten Joggingklamotten spazieren führen und immer auf der Höhe des hübschen Hipsters auf der Bank kurz mit federnden Schritten vorbeischweben. Den Hauptweg der einmal außenrum führt sollte man jedenfalls zu Feierabend zügig queren, am schönsten ist es eh in der versteckten Ecken zwischen alten Gräbern und unter eindrucksvollen Bäumen vor allem im Nordwesten. Dort jedenfalls entwickelt der Wohlerspark seine ganz eigene Atmosphäre und es wurden bestimmt schon so einige kleine Nachwuchshipster oder -Gruftis zwischen den tief herabhängenden Zweigen der Trauerlinde gezeugt.

Wohlerspark hamburgisch erlebt

In Spätsommer oder Herbst einfach mal richtig früh aufstehen und dann im Frühnebel durch eines der geheimnisvollen Tore den Park und die Zwischenwelt betreten bis irgendwann die ersten Sonnenstrahlen des Tages auf die bunten Blätter fallen. Bevor der letzte Nebel schwindet schnell noch eine Ziege auf einem der Gräber opfern, südlich aus dem Park und die Thadenstraße Richtung Osten. Entweder in der Thadenstraße in ein Cafe oder nochmal rechts in die Bernstoffstraße mit bestem Pauliflair und weiteren Cafes und/oder Bäckern.

Entenwerder

Schön ist es nicht dieses Entenwerder. Jedenfalls sicher nicht so klassisch parkschön. Es riecht ordentlich fischig nach Nordseekäse leicht überreif, liegt wie eine überdimensionierte Verkehrsinsel zwischen Land- und Wasserstraßen und in der Mitte sind einfach nur zwei große Rasenflächen und ein Spielplatz, der sich auch in den 80ern wegen Modernität nicht hätte schämen müssen. Trotzdem lohnt sich der Weg – nicht so sehr wegen des Parks aber wegen des Wegs, der Ausblicke und der Umgebung. Und wegen Bootssteg, Cafe und goldener Pavillion da so ganz unten im Südosten. Entenwerder liegt direkt an den Elbbrücken über die fast aller Verkehr, ob nun per Auto oder Bahn, von Hamburg aus nach Süden raus- oder reingeht. Eingefriedet von gigantischen Steinpackungen und von der Norderelbe umströmt kann man an der Westspitze stehend den Anglern und dem rastlosen Treiben auf- und unter den Brücken zuschauen. Überhaupt diese Angler. Es gibt vermutlich keinen geheimnisvollen und noch so versteckten Ort im Hafen an dem man sie nicht trifft. Ich habe noch nie jemanden in den trüben Fluten der Elbe was fangen sehen aber vielleicht geht es darum auch gar nicht. Vielleicht geht es nur darum beim Angeln zu sein und nicht woanders, aber das ist auch nur eine Theorie. Entenwerder jedenfalls ist gleichfalls beliebt bei Anglern und Hundehaltern. Uns dagegen zieht es eher Richtung Café, denn um mir mein Essen zu angeln fehlt mir leider die nötige Geduld. Der Platz auf dem Bootssteg und der Blick sind großartig und das Essen und der Kaffee durchweg ordentlich bis sehr gut – der Preis ist auch recht ordentlich aber erklärt sich wohl auch durch den Platz. Sagen wir es so: billig ist es nicht aber was ist in Hamburg schon billig und der Ort ist das Geld wert. Ein Hauch von Zauber umweht die bunten Stühle, den goldenen Pavillion (der den Entenwerder Elbpiraten eine Heimstatt bietet) und den ganzen phantasievoll gestalteten Bootssteg. Im Norden von Entenwerder ist für alle Naturfreunde noch ein Schilf- und Verlandungsbereich für Teichrohrsänger und co. als Ausgleichsfläche entstanden. Das ist schön für die Natur und auch durchaus nett fürs Auge – wobei Entenwerder auch hier visuell eher auf der rustikalen Seite des Lebens bleibt. Abends ist Entenwerder so eine Art abgelegener Partykeller für alle Formen von elektronischen Tanzmusikabenden. Ob Spontanrave oder drei-Stunden-wach (…drei Tage geht eher nicht weil vorher die Polizei kommt) hier ist gerne und häufig was los und wer einmal zur falschen Zeit mit dem Rad in der S21 Richtung Entenwerder (Rothenburgsort) stand, hat einen ungefähren, schmerzhaften Eindruck was für Menschenmassen plötzlich auf dieser sonst eher einsamen Parkinsel aufschlagen. Dafür machen plötzlich die großen Rasenflächen Sinn und die Ausblicke, die tagsüber schon mal etwas trostlos wirken können, wirken nachts geheimnisvoll und wildromantisch. Bis jemand neben einem den Hosenschlitz öffnet und schwankend in die Steinpackungen pisst.

Entenwerder hamburgisch erlebt

Nach Entenwerder reist man unbedingt mit dem Rad an. Einerseits ist es mit Öffis eher schlecht zu erreichen, andererseits ist der Radweg von der City aus so ziemlich das heißeste Miststück an urbaner Blickgeilheit was Hamburg zu bieten hat und man rollt auf dem perfekt ausgebauten Weg smooth wie auf ner rasierten Ananas. Also brav Ecke Hauptbahnhof auf Fixie oder Stadtrad-Panzer und dann zwischen Deichtorhallen und Spiegelhaus durch immer schön an der Hafenkante vom Oberhafen vorbei. Nicht zu verpassender Einsatzpunkt für den Radweg ist 53°32’44.0″N 10°00’26.3″E (bei google eingeben) bei der Oberhafenbrücke. Von da aus immer nach Südosten den Radwegschildern folgen bzw. einfach immer an der Hafenkante bleiben und genießen. Macht den Radweg bei Sonne oder zumindest halbwegs gutem Wetter bei Regen ist es eher kein Spaß. Bei 53°32’08.6″N 10°01’40.5″E kurz vor Entenwerder und den Elbbrücken kommt man noch bei einem malerischen alten (und abgefucktem) Kran vorbei der sich als perfektes Fotomotiv anbietet). Dann rechtsseitig unter den Elbbrücken durch weiter Richtung Park (Wer groß ist passt ein bisschen auf die Birne auf). An der Nordwestspitze von Entenwerder ein bisschen Verkehr gucken, mal kurz auf dem Spielplatz auf dem Reifen schaukeln, dann ab ins Cafe oder im Südosten ein bisschen auf den Bänken in der Sonne abhängen. Warten bis es dunkel wird und das Wummern auf der großen Wiese loslegt. Inzwischen leichte Kopfschmerzen von der Sonne und der angestrengten Haltung auf dem Stadtrad, aber kein Problem! Irgendjemand auf der Party, die langsam startet, hat ein paar Schmerzpillen im Angebot. Zwei Stunden später sind die Kopfschmerzen immer noch da, aber dafür möchtest du plötzlich die ganze Welt umarmen. Da ein Baum, der guckt aber nett, der Baum, ach und so eine weiche Rinde, lass uns kuscheln! Was machen denn jetzt die Bullen hier, woah ist die süß die blonde Polizistin, und so eine weiche Haut, lass uns kuscheln! Warum sind da große Eisenstäbe und was macht der Riesentyp da neben mir in dem speckigen Unterhemd, aber eine weiche Haut hat er, ach lass uns kuscheln…

Naturschutzgebiet Eppendorfer Moor

Mitten in der Stadt und einfach nur brutal schön. Danach möchte man spontan große Teile Hamburgs Wiedervernässen. Zum Beispiel Harburg. (Ja in Harburg ist längst nicht alles hässlich aber mindestens die Innenstadt kann nur ein Sadist geplant haben) Einziger Wermutstropfen ist, dass das Eppendorfer Moor an zwei Seiten an großen Straßen endet und weiter nördlich der Flughafen angrenzt. Man kann also je nach Windrichtung zwischen Flugfeld- und Straßenlärm wählen. Das Maß ist aber erträglich und wird durch die optischen Eindrücke allemal wett gemacht.

Besonders schön ist es in der Mitte an den Teichen. Ein Pfad führt zwischen den beiden Hauptgewässern durch und den nordöstlichen Teich sollte man auf jeden Fall einmal umlaufen haben. Wie auch in anderen Naturschutzgebieten hat die Stadt Hamburg hier ein paar erhöhte Aussichtspunkte gebaut, die einen um geschätzt legendäre 30 cm größer machen und mir so das Gefühl geben einmal so groß wie der durchschnittliche Holländer zu sein aber aussichtsmäßig eher homöopathische Veränderungen mit sich bringen. Finanziell waren sie aber vermutlich ein bedeutsamer Posten und das ist ja schon mal was.

Weiter nördlich grenzt eine große Auswahl an Kleingartengebieten an in der man vielleicht im Herbst noch den ein- oder anderen Apfel klauen kann, ansonsten ist man auf dem Rückweg im Süden leider sehr schnell wieder in der Hamburger Autostadtrealität. Aber zum Glück ist der Grünzug der Alster mit Bootsstegen und Cafés nicht weit. Das Moor ist menschenmäßig belebt aber nicht überfüllt.

Leider lassen viele dieser Homo Hundiens ihre Lieblinge schön leinenlos durch das Unterholz stöbern, was hart gedankenlos bis hart daneben ist, weil Hunde auf ihren wilden Wegen alles verscheuchen was unter Mammutgröße ist. Daher liebe Hundebesitzer: Bitte einfach mal anleinen und Hund später auf der Alsterwiese Selbstoptimierungs-Jogger jagen lassen. Macht doch eh viel mehr Spaß wenn man da so ein halbherziges „Nein, Hasso nicht! Hasso, nein! kommst du zurück! Nein Hasso, ohne Jogger! Lässt du ihn da liegen! Hasso?!“ hinterher rufen kann.

Besonders schön ist das Moor – natürlich – im Herbst wenn die bunten Blätter fallen und in der Dämmerung der Nebel aufzieht. Dann kriegt man auch einen kleinen großstädtischen Eindruck davon warum Moore früher als verwunschene und nicht ganz geheure Orte galten. Vorsicht bei Fotoexperimenten, denn auch wenn es für zukünftige Generationen bestimmt cool wäre die ein oder andere Moorleiche zu entdecken: Nasse Füße sind meist nur einen Schritt entfernt. Aber das ist wohl auch irgendwie eine Binsenweisheit…

Eppendorfer Moor hamburgisch erleben

In der Nachmittagssonne einmal um die beiden Weiher in der Mitte, an dem nordöstlichen Weiher im Nordosten auf der Bank Platz nehmen und eine Runde Sonnebaden. Die gierig einfallenden Enten NICHT füttern. Die kacken sonst nur das Moor zu und überdüngen es weiter. Nachdem man eingenickt ist verstrahlt aufwachen, ein paar Selfies gegen die Sonne machen, den Reihern zuschauen, die sich um einen Frosch prügeln und weiter Richtung Alster und Cappuccino.

An der Alster Selfies anschauen und merken, dass die alle überbelichtet sind. Gegenlicht. War halt auch irgendwie klar. Selfies löschen und merken, dass das was wichtig ist kein blödes Selfie sondern eine schöne Erinnerung ist. Da so im Herzen. Mit Wärme, Gegenlicht und einem zarten Hauch von Liebe. Ganz rührselig werden und Freundin anrufen. Ach nee, die sitzt ja neben dir, mann, mann wie peinlich…

Eilbek Park

Ein Park wie ein ordentliches Butterbrot. Bei Hunger und Faulheit eine gute Wahl, aber wenn man Bock auf was Besonderes hat zieht man besser weiter. Ein bisschen Wald, ein bisschen Wiese, ein bisschen Spielplatz, ein bisschen 08/15 Bronzekunst, schicker Klötzchenhusten am Parkrand und die Wandse fließt halbwegs malerisch durch die gemähten Rasenflächen. In direkter Nachbarschaft bietet der Mühlenteich auch noch eine größere Wasserfläche. Das ist alles recht ordentlich und o.k. aber zieht jetzt halt auch keinen Hering vom Teller. Schöner ist der Hin- oder Wegweg in Richtung Alster immer am Eilbekkanal entlang. Da kann man moderne und nicht so moderne Hausboote staunen, fährt am schönen Kuhmühlenteich und hübschen Unigebäuden vorbei und radelt durch alte Lindenalleen. Und wenn man etwas Glück hat ist unterwegs noch Markttag. Für den Eilbek Park dagegen reicht ein kurzer Zwischenstopp.

Eilbek Park hamburgisch erlebt

Ich muss es leider zugeben. Ich bin (noch) kein Spezialist für den Hamburger Osten. Irgendwie sind ich und die entfernte Ostalster noch nicht so richtig warm geworden. Immer wenn ich da rumfahre finde ich es irgendwie sehr sachlich. Es gibt so eine Art Schönheits- und natürlich auch Mietengradienten in Richtung Alster. Während an der Ostalster sehr nette, urbane Ecken gibt, ist es Richtung Osten in Eilbek oder Horn einfach ein bisschen unspektakulär. Ich würde daher für den Einsteiger empfehlen den Eilbek Park in eine kleine Alsterschleife einzubetten. Wer mit dem Fahrrad um die Alster fährt, nimmt einfach die Abzweigung am Eilbekkanal und fährt den runter bis zum Eilbek Park. Der Weg und die Hausboote sind wirklich malerisch und auch spannend. Vom Eilbek Park aus dann Richtung Norden nach Barmbek zum Museum der Arbeit. Das Museum ist toll, das umgebende Gelände der Hammer und da gibt es auch lecker Essen und Getränke. Vom Museum aus kann man dann Richtung Alster parallel zum Osterbekkanal zurückeiern. Wer mag macht noch einen Zwischenschritt am Kampnagel, einem Kulturzentrum, das zwischen weird und yeah immer wieder gute Unterhaltung oder schöne Verwirrung bietet. Danach einfach die Alsterrunde voll machen und „We survived the Hamburger Osten“ Aufkleber kaufen.

Harburger Stadtpark und alter Friedhof Harburg

Die Harburg Innenstadt ist von solch empörender Hässlichkeit, dass man sich einen mittelalterlichen Poeten wünscht, der sie in länglichen Elogen kunstvoll zerlegt. Eine graue Betonschlucht, zerrissen zwischen Einkaufpassagen aus vier Jahrzehnten zieht sich vom Bahnhof Richtung Stadtpark. Man würde gerne nach verborgenen Schätzen suchen, aber eine Innenstadt an deren Eingang irgendein Sadist gigantische Betonmuttern als „Kunst“ aufgestellt hat, sieht nach wenig aus und vor allem nicht nach verborgenen Schätzen.

Erstaunlicherweise findet man aber kaum die typischen Kettenläden der globalen Einkaufsstraßenarmada, die die Innenstädte dieser Welt wie austauschbare Bühnenhintergründe für die immergleichen Hochglanzprospekte der genormten Warenwelt wirken lassen. Das liegt aber leider nicht etwa daran, dass in der Harburger Innenstadt statt dessen kleine, geschmackvolle Läden wären (wie z.B. im Karoviertel) oder wenigstens irgendwas Verrücktes die Leere füllte. Die Ladenzeilen sind statt dessen längst von billigen Klamottenläden übernommen worden, die den Harburger Chic feiern, der von Mümmelmannsberg bis Billstedt die Problemviertel im Zeichen von looks-like-Karadashian in billig dominiert. Neonlicht glitzert auf billigen Strassapplikationen und enge Tarnfleckleggings versuchen sich erfolglos im Schaufenster des Großstadtdschungels zu verstecken. Immerhin ist die Innenstadt so wieder halbwegs belebt neben den genormten Einkaufswelten des Phönix-Centers, die als seelenloses Quasi-Centrum Harburgs fungieren.

Man hört immer der Süden Hamburgs ist im Kommen aber bis Harburg aus der Asche der jahrzehntelangen Planungszerstörungen steigt ist es wohl eher ein Marathon als ein Sprint. Aber immerhin einer in schicken Sneakern. Für günstige 19,99 €.

So wandert man ordentlich desillusioniert vom Bahnhof Richtung Stadtpark und stolpert prompt über die erste Überraschung. An der Ecke Krummholzberg / Bremer Straße schwebt ein vor Kraft strotzender Weltkriegsheld zwischen den Birken. Den hat man einfach mal stehen gelassen und ihm recht subversiv eine Bronze zu Füßen gestellt in der ein kleiner Junge zwischen den Stahlhelmen der Gefallenen um seinen Vater trauert. Das ist so elegant und eindrucksvoll gelöst, dass man sich kurz fragt warum an all den anderen Heldendenkmälern dieser Welt so etwas noch nicht steht. Siegessäule, Bismarkdenkmal, Arc-de-Triomphe – Kommentarplastiken der Vergessenen jetzt! Passenderweise ist dieses Kommentarplastik am Eingang zum alten Friedhof aufgebaut, den man links neben der Kirche über einen Pfad betreten kann.

Und dieser alte Friedhof ist dann die erst große Harburger Überraschung. Es sagen ja immer alle: „Fahr zum Ohlsdorfer Friedhof“, „Der ist schön der Ohlsdorfer Friedhof!“ Mir hat sich das nie so richtig erschlossen. Ich war mehrfach da und fand es eigentlich eher deprimierend. Auch wenn er schöne Ecken hat der Ohlsdorfer Friedhof: Besonders im Herbst wirkt er eher wie ein halbentwässertes Feuchtgebiet mit phantasielos verteilten Grabsteinen drin. Komischerweise sagt keiner: „Fahr zum alten Friedhof Harburg“, „Der ist schöne der alte Friedhof Harburg!“ Dabei würde DAS stimmen. Verwunschen schmiegen sich alte verlassene Gräber in ein von alten Bäume bestandenes Gelände, in dem man auf kleinen Treppchen und Pfaden langsam aufsteigt als würde man sich in irgendeiner schönen altstadtbeschenkten Metropole des südlichen Deutschlands befinden. (Nun hat auch Harburg eine Altstadt, aber die gewinnt eher den Preis für das niedlichste Stück Altstadt Deutschlands).

Man führt sich kurz von dem Blick einer halb gesichtlosen Grabnymphe verfolgt und stolpert schnell weiter auf eine große Allee, die einen weiter Richtung Stadtpark Harburg führt. Und da erwartet einen dann die zweite Harburger Überraschung. Klar, die Hamburger sind stolz auf ihren Stadtpark und der hat auch seine Momente obwohl er in Sachen Geländedynamik nicht viel hergibt aber der Harburger Stadtpark gewinnt durch K.O. In der dritten Runde. Statt des reichlich gammelig wirkenden Stadtparksees, mit dem Freibad in das ich mich noch nie getraut habe, schafft der deutlich größere Außenmühlenteich eine fast schwedische Atmosphäre. Das liegt nicht zuletzt an dem Saunahäuschen des Mittsommerlandes (das übrigens die mit RIESENABSTAND schönste Saunalandschafts Hamburgs beherbergt) das malerisch am jenseitigen Ufer gelegen auf Fotos wartet.

Nun wäre ein Stadtpark kein Stadtpark ohne irgendwie überformte Landschaft. Und auch wenn hier der Hamburger Stadtpark weit vorne liegt kann sein Harburger Gegenüber mit entspannter Reliefenergie punkten und legt stadtseitig ganz nebenbei noch wirklich schöne, parkige Sichtachsen und Gärten auf die Richtwaage. Dazu kommen ein grünes Amphitheater, ein kleines Schilfmeer mit Holzsteg wenn man langsam am Westufer weiterwandert und eine kleine Teichlandschaft im Süden, die das merkwürdige Schwedengefühl noch vertiefen würde – wenn einen nicht augenblicklich eine Hundertschaft Raubenten auf der Suche nach aufgeweichtem Brot anfallen würde. Man fühlt sich auf dem kompletten circa 3km langen Weg um den See zwischen alten Bäumen und alten Steinen ganz wunderbar andersortig und keinen Hauch nach Harburg. Es kann daher nur empfohlen werden.

Harburger Stadtpark hamburgisch erlebt

Ich würde jetzt eigentlich sagen wollen „Macht einen Bogen um die Harburger Innenstadt“, aber es ist lehrreich und baut so einen schönen Kontrast auf. Es ist ein bisschen wie die traurige Stulle für unterwegs, die mit ordentlich Hunger plötzlich zu einem Käsebrot für Gourmets konvertiert. Daher brav mit der U-Bahn nach Harburg fahren und unterwegs schon mal den Digger-Slang zwischen türkischen und arabischen Unterhaltungen auschecken. Dann ab durch die Einkaufsstraße bis zu dem besagten Denkmal Ecke Krummholzberg / Bremer Straße und schnell auf den alten Friedhof.

Und siehe da es gibt Schönheit in Harburg! Gemütlich über den Friedhof schlendern während Schulkinder zwischen alten Gräbern aus dem Geäst brechen, weil „ey, kürzest Weg, ne?!“ und Grasdämpfe über das Gelände wabern. Ich traf übrigens dort und auch um den Stadtpark nur ausnehmend nette Menschen, die bereitwillig Auskunft gaben. Lasst euch nie von Vorurteilen leiten, vor allem nicht in Harburg – sie werden eh nur enttäuscht.

Wir folgen dem Hauptpfad Richtung Süden, eine sehr harburgige Betonbrücke trägt uns über die A 253 in den Stadtpark. Dort checken wir bei Parkbedarf kurz die Anlagen im Westen aus und folgen dann einem der Pfade zum Seeufer. Vorher überzeugen wir uns noch bei folgender Unterhaltung, dass wir noch in Harburg sind: „Ey Diggi, hör auf zu pfeifen, sonst kommen noch mehr von den Biestern! – Hä was denn, ich darf doch wohl pfeifen, mann?! – Ey Diggi, komm mal klar, hier piept doch schon alles, das nervt, Diggi und wenn du pfeifst kommen da noch mehr, wie soll man da noch chillen, klar?! – Mir doch latte, ich pfeif wann ich will, Alter!! – Ey Diggi, du solltest echt mit dem Shit aufhören mann, sonst wirst du noch selber Vogel, mann! – Alter, du rauchst zu viel, jetzt komm mal runter…- Nee DU kommst runter Diggi, das ist ja unterträglich das Gepiepe!!!

Und dann heißt es einfach durchatmen, Blick schweifen lassen und genießen. Du bist in Schweden, endlose Wälder, klare Seen und weite Natur, das Schilf raschelt sanft im Wind und am Ende der Wanderung wartet eine Blockhaussauna….hey wie praktisch, da steht doch eine Blockhaussauna auf einem Bootssteg! Da wir heute Spendierhosen anhaben, gönnen wir uns mal richtig und kaufen schnell ein Tagesticket für das Midsommerland. Das Bad kann man sich getrost schenken außer man planscht gerne zwischen den gefühlt tausenden schreienden Bälgern der Umgebung während halbstarke Angeber ihre Muskeln am Beckenrand spazieren führen. Also schnell ab in die Saunalandschaft und in der Blockhütte am Ufer braten bis man gar ist und draußen nackt und dampfend den Blick über die kleine Schwedenlandschaft mit dem kleinen, störenden Betongebäude im Hintergrund genießen kann.

Die Saunalandschaft kann übrigens am Wochenende recht voll sein. Hamburg weiß, dass die schön ist. Unter der Woche ist es meist besser. Irgendwann dann grundentspannt und in dieser gemütlichen Post-Sauna-Trance zurück Richtung Harburger Bahnhof. Wer noch nichts zum Kochen für zu Hause braucht, der hat in Harburg tatsächlich Glück. Und da wären wir bei den verborgenen Schätzen, die sich auf den zweiten Blick plötzlich doch offenbaren. Während die billigen Discounter der Umgebung allen Tante-Emma-Läden der Innenstadt den Garaus machen haben sich passend zu der stark gemischten Bevölkerung von Harburg diverse Lebensmittelläden mit Spezialitäten aus aller Herren Länder angesiedelt. Stellvertretend sei der Adese-Markt genannt der Spezialitäten von Anatolien bis Sibirien anbietet. Manches davon ist mit gutem Grund kaum in deutschen Feinkostläden anzutreffen, aber vieles ist eine wirklich gute Ergänzung und in den Läden in Harburg günstiger zu kriegen als anderswo.

Gewarnt sei aber vor den verführerisch glänzenden türkischen Süßigkeiten, die hinterlistig am Ausgang platziert sind. Sie sind nicht besser und vor allem nicht günstiger als in anderen türkischen Läden irgendwo in Hamburg aber genauso schrecklich süß und klebend und als letzte und prägende Erinnerung an einen schönen Orient-meets-Schwedentag in Harburg denkbar unverdient. Auch die Dönerbudenhundertschaft Harburgs ist reichlich phantasielos und scheint sogar das Angebot zwischen Pizzadönerasiatisch voneinander abzuschreiben. Wer trotzdem nicht selber kochen will: Die wie ich finde besseren Läden um lecker türkisch zu essen befinden sich in der Nähe vom Hauptbahnhof Hamburg auf dem Steindamm. Mit ordentlichen Grillspießen und so.

Park Fiction

Der Park Fiction ist das Wohnzimmer von St. Pauli und auf eine Art urban, dass selbst das Wort urban vor Schreck schamesrot zusammenzuckt und schnell in die Schule läuft um die Oberstufe des Stadtlebens zu wiederholen. Er ist wie magisch verdichtete Urbanität an einem Ort an dem normalerweise vermutlich einfach eine der üblichen Betonprotztreppen wäre. Anders gesagt: Wer nicht im Park Fiction war hat Hamburg nicht gesehen. Jedenfalls nicht das „andere“ Hamburg. Das in dem Menschen in ihrem Dasein und nicht in ihrer Funktion das Sagen haben.

Ermöglicht wurde er durch den Druck einer Anwohnerinitiative, die verhinderte, dass der letzte Rest offener Hafenrand bebaut wurde. Entwickelt wurde er von Anwohnern, Interessierten und Künstlern zusammen und nicht wie sonst so gerne (siehe Hafencity) durch großspurige Stadtplaner die wissen „was gut für euch ist“. Das Gelände ist klein und gar kein Park in eigentlichem Sinne, eben eher die Fiktion eines Parks, aber gerade das macht es so herrlich absurd passend. Direkt an einem der schönsten Hafenblicke gelegen kann man seine Hängematte zwischen zwei Palmen aufhängen oder auf einer der großen Graswellen den Tag vorbei ziehen lassen, während um einen das Leben von St. Pauli tobt. An das Hamburger Wetter angepasst sind die Palmen aus (rostfreiem) Stahl aber das macht es nur noch richtiger im Falschen.

Der Park Fiction ist nicht schön in eigentlichem Sinne, es liegen Müll und Grasscherben herum, natürlich ist die komplette Umfriedung beschmiert und in den abends wabernden Grasdämpfen ist vermutlich schon der ein- oder andere Eppendorfer in Steppjacke und Seglerschuhen in Ohnmacht gefallen und mit einem Gesichtstattoo und in Frage gestellten politischen Ansichten wieder aufgewacht. Aber an wenigen Orten in Hamburg fühlt man sich so herrlich urban gelassen. Sei wie du bist wie du bist, mach dich nicht fertig Junge, das lohnt sich nicht, häng dich lieber an die Reling, schau auf die Docks da drüben oder beobachte die Hafenfähren und die Touriboote wie sie blöde winken und ach Arbeit, was solls, morgen ist auch noch ein Tag. Oder übermorgen. Dazu gibt es natürlich das Feinste von Elektro bis Reggae auf die Ohren. Nicht meine Musik, aber zu dem Ort passt es halt einfach.

Da der Park Fiction so klein ist, ist die eigentliche Show auch nicht das Entdecken des Parks sondern die Menschen, die ihn beleben. Wer schlau ist holt sich vorher am Kiosk was Gemütliches zum Trinken und plant ne Stunde um einfach nur dazusitzen und die Stimmung wirken zu lassen (Für die harten Astra, für alle die ihrem Gaumen nicht zu sehr wehtun wollen lieber ein Ratsherrn Pale Ale und für die ohne Alkohol Apfel- oder Rhabarbersaftschorle von der Lütauer Mosterei – die ist klein und unterstützenswert und der Shit ist sehr lecker). Und ja man darf den Park auch ohne Ganzkörpertattos und Maxi-Piercings betreten. Ich muss es wissen. Ich war da und Nadeln lass ich nur beim Weihnachtsbaum-Aufstellen an mich ran.

Park Fiction hamburgisch erlebt

Die eigentliche Funktion des Park Fiction liegt in dem transzendenten Feld zwischen entspannten, emsigen und sportlichen Nichtstun – kurz dem funktionslosen Füllen der Zeit je nach Gusto der handelnden Person. In deutsch gesagt: Wer gerne „was macht“ um die Zeit zu füllen spielt Basketball oder läuft rum und macht Fotos vom Hafen, wer lieber andere machen lässt hängt sich auf die Wellen oder unter die Palmen und genießt Astra, Pale Ale oder Schorlendingsbums. Wichtig ist nur die Ziellosigkeit des Ganzen: Sonst ist es nicht Park Fiction.

Wenn es genug der Ziellosigkeit ist und man noch niemandem gefunden hat mit dem man über die Aneignung des urbanen Lebensraums oder die politische Lage in den Diktaturen dieser Welt diskutieren konnte bewegt man sich gemächlich die Hafenstraße runter um noch mal besetze Häuser zu schauen. An der Hafentreppe kann man im Vorbeigehen eine unlösbare Gemengelage aus Drogendealern, linker Szene und überfordertem Rechtsstaat betrachten und weiter Richtung Landungsbrücken schlappen. Merke: Die Probleme der Stadt kriegen selten die zu spüren, die die auslösende Ungleichheit herbeiführen – aber dafür haben sie meist umso mehr eine Meinung davon wie man lösen sollte, was nicht zu lösen ist, außer man geht die Ursache an…

An den Landungsbrücken je nach Nervenkostüm noch an die Wasserkante zwischen die Touristen-Hundertschaften oder lieber direkt zur Ubahn. Alternativ kann man natürlich auch vom Park Richtung Reeperbahn oder Schanze oder überhaupt andersherum und vorher in Pauli feiern, dann Park Fiction für den Sonnenaufgang und weiter Richtung Fischmarkt. Aber das ist hier ein Parkführer, ich werde im Leben kein Reeperbahnfan mehr und mir doch egal wie ihr euren Tag gestaltet. Hauptsache ihr macht nix Sinnvolles. Und abgesehen davon werde ich euch bestimmt NICHT sagen wo ich gerne feier sonst isses da am Ende auch noch voll. Also immer brav auf die Reeperbahn zum JungesellInnenabschied, ja?!

Jenischpark

Die Mutter aller Parks. Feiner Elbblick, der Park gönnt sich eine charmante Kombination aus englischem Rasen und eigener Buchenwildnis nebst Bach, Brückchen und pittoreskem Landhaus. Da im Sommer alle an der Elbe sind ist der Park direkt dahinter erstaunlicherweise nie wirklich voll und in vollen Zügen genießbar. Die große Wiese in der Mitte erlaubt diverse sportliche Aktivitäten bei berauschendem Blick, versteckter Liegen kann man Richtung See oder Flottbektal bzw. Reemtsmapark, ist aber auch scheißegal wo genau, ein Spaziergang und selber entdecken macht eh am meisten Spaß. Geht auf jeden Fall einmal durch das Buchenwäldchen und um den Teich rum. Und am Bachlauf längs wo sich sogar im Park noch ein Naturschutzgebiet versteckt. Zwischendrin findet sich am Rand vom Naturschutzgebiet noch ein phantasievolles Hexenhäuschen mit Gründach, das man gesehen haben sollte. Es ist nach historischen Vorbild gebaut und man erwartet so ein bisschen eine fies lachende Kräuterhexe, die einen in eine Kröte verwandelt. Mir ist bisher noch keine begegnet, aber ich war auch nur tagsüber da. Sicher ist sicher. Oben links (Mein Geographielehrer würde mich killen) gibts das Ernst-Barlach-Haus, da kann man Kunst gucken. Überraschenderweise von Ernst Barlach aber auch von wechselnden Ausstellungen. Nicht die A-Liga der Hamburger Museen aber okay. Sehr zu empfehlen war Ralphs Café. Das war da noch so ein bisschen weiter links. Da war es so idyllisch und lecker dass man danach erst mal ne halbe Stunde Nachrichten mit Terror und Morden lesen musste um wieder runter zu kommen. Jetzt gibt es das nicht mehr, weil da irgendwas in die Gewächshäuser gebaut werden soll. Ich hoffe sehr dass da wieder was Nettes kommt und nicht so Standardcafestangenware aber meine Hoffnung ist eher bescheiden. Aber man wird sehen… Das elegante Jenisch-Haus als Urmutter aller Reiche-Bitches-Hamburg-Villen beherbergt Historisches und ein Café. Ich war da noch nicht drin, ich trau mich nicht in weiße Villen ohne Graffiti, da hat mich Mutti vor gewarnt.

Jenischpark hamburgisch erlebt

Eine Runde Wikingerschach auf der Hauptwiese mit Elbpanorama, Peter das Wurfholz vors Schienbein knallen (selber Schuld wer nicht schnell genug wegspringt), Idylle genießen bis irgendein weiß gekleidetes Kind anfängt zu heulen, dann Verdauungspaziergang um Teich und Buchenwäldchen zu Elbe und Teufelsbrück runter und mit der Hafenfähre zum HVV-Tarif zurück zu den Landungsbrücken aka Reiche-Leude-Tach für 10 Tacken. Geht doch!

Naturschutzgebiet Raakmoor

Der Dr. Jekyll und Mr. Hyde unter den Hamburger Parks. Optisch Crème brûlée, akustisch Krem Brüllee. Direkt in der Einflugschneise von Fuhlsbüttel gelegen wird der paradiesische Anblick sanfter Moorwiesen und goldrot schimmernder Weiher jäh von infernalischen Flugzeuglärm zerschnitten. Und das alle drei Minuten. Wer also nicht extrem schwerhörig, taub oder an der Max-Brauer-Allee aufgewachsen ist plant besser nur einen kurzen Fotoausflug. Am besten mit Fahrrad um nach dem Nervenzusammenbruch schnell wieder weg zu kommen.

In der Mitte ist ein wildromantisch schillernder Moorsee mit Libellen und allem was dazu gehört, es gibt immer wieder Aussichtspunkte und das ganze Gebiet wird von pittoresken Moorbächen durchzogen, die man auf geheimnisvollen Wegen mit Holzstegen und Brücken erkunden kann bis man sich wieder vor Schreck auf den Boden wirft weil ein Flugzeug in gefühlter Grasnarbenhöhe rüberdonnert. Weiter nordöstlich sind noch die Naturdenkmälter Hüsermoor und Ohlkuhlenmoor und ein verdammt hoher begehbarer Müllberg von dem aus man vermutlich per Anhalter bis nach Fuhlsbüttel fliegen kann. Tagsüber begegnet man im Raakmoor vor allem Joggern. Merkwürdigerweise haben fast alle Stöpsel drin…

Raakmoor hamburgisch erlebt

Ohropax nicht vergessen oder Walkman mit Entspannungsmusik und Noise-Cancelling-Kopfhörern auf volle Lautstärke. Oma oder schwerhörige Verwandte zum Ausflug in die Natur einladen. Besonders schön ist es bei dem kleinen See in der Mitte, da also unbedingt einmal rum und Fotos machen, ansonsten einfach mal den Pfaden irgendwie folgen bis man es nicht mehr aushält. Dann schnell zum Fahrrad und auf dem Weg fast in ein Reh laufen, das mitten auf dem Pfad steht und einen nicht gehört hat weil es längst taub ist (Achtung! Apropos taub – in der Hektik Oma nicht vergessen!) und falls Mittagszeit zur Block-House-Zentrale ins Industriegebiet. Lademannbogen 129 gibts ne Cafeteria in der man auch als Gast von 13-15 Uhr richtig reinhauen kann. Man kauft sich am Automaten ein Mittagsmenü und dann kann man ordentlich schlemmen und die Ruhe genießen und spätestens nach dem Cappuccino (inklusive, wie auch Salat, Getränke und Vorsuppe) ist man Omas neuer Lieblingsenkel und das war den Fluglärm doch irgendwie wert…

Lohsepark

Nach fest kommt lohse und das erklärt vermutlich wie Hamburg in großspurigen Worten diesen neuesten Park auf den Hinweistafeln feiert. Man hätte bei der Gestaltung eines komplett neuen Stadtteils in direkter Nachbarschaft zur City die Chance gehabt ein echtes Stück Lebensraum zu gestalten und dem Hafen eine grüne Lunge zu schenken. Statt dessen ist ein schmaler Streifen Grün entstanden und dahinter lässt die Hafencity außer dem rechten Winkel irgendwie die rechte Linie vermissen und wirkt wie ein Sammelsurium von einer Architekturausstellung. Die bestimmende Farbe der Hafencity ist und bleibt das betongrau. Das soll vermutlich abstrakte Weite erzeugen und Weltstadtanspruch zementieren.

Das wird auch so im Lohsepark durchgezogen, der für eine Grünfläche erstaunlich hohe Versiegelungsgrade erreicht. Er ist dabei nicht direkt scheiße, nur halt auch einfach nicht besonders geil. Er hat ziemlich coole Megaschaukeln im Norden, (Props dafür), einen ordentlichen Basketballcourt, dauerhafte Slacklines und einen amtlichen Spielplatz. Er hat auch 500 schon erstaunlich große heimische Bäume (was vielleicht die Afd freut, aber vermutlich auch wieder nicht da auch heimische Bäume Natur sind und der kann man NIE trauen), tolle Panoramen auf seinen südlichen Teilstücken und sogar Irgendwas-mit-Nazis.

Aber Natur oder Seele oder gemütlich hat man leider vergessen. Kommt vielleicht irgendwann mit dem Zerfall, aber derzeit läuft man halt durch, macht Fotos und geht danach irgendwo nen Kaffee trinken wo Stadtplaner nix mehr zu melden haben und die Bewohner das Ruder übernommen haben. Zudem liegt der Lohsepark rein zufällig direkt an der Hauptzugstrecke nach Süden, auf der so ziemlich 100% alle Züge aus Hamburg rausdonnern. So ergibt sich zusammen mit den quietschenden Baukränen ein interessantes Akustikpanorama. Besonders lächerlich ist das nördlichste Ministück wo sowas wie freie Natur sein soll – auf einem Gelände das gefühlt kleiner ist als ein durchschnittliches Hamburger WG-Wohnzimmer.

Kurz: Es fühlt sich ein wenig an wie der Besuch in einer unterkühlten Designer Bude. „Interessant, respekt, schick hier, das muss teuer gewesen sein und Schatz es ist schon sooo spät ich glaube wir müssen los!?“ Das Denkmal zum Hannoverschen Bahnhof wo deportierten Sinti, Roma und Juden gedacht werden soll sieht auch nicht billig aus und feiert einmal mehr den Beton in allen Ausprägungen. Es zeigt viel guten Willen, emotional hinterlässt es soviel bleibenden Eindruck wie der komplette Park. Ja, es gibt Sichtachsen, Reste der Gleise und die Namen aller von hier aus Deportierten. Also alles wie sich das gehört für so ein Denkmal. Und jetzt? Ich kenne niemanden der da steht und sehe keinen Grund seitenweise Namen zu lesen. Im Hintergrund donnern die Züge der Hauptverkehrsader vorbei und mir würden spontan circa 20 Ideen einfallen wie man aus dieser Gemengelage etwas wirklich Bewegendes hätte schaffen können. So bleibt es irgendwie oberflächlich und auf Korrektheit First bedacht. „Wir haben ordentlich Beton hingekippt, es gibt einen Durchgang durch den man schreiten kann, alle Namen sind untergebracht, die Erklärungen sind nicht zu lang und wir haben ein Gedenkstein,…läuft Leute! Holocaustdenkmalcheckliste abgehakt, Wochenende!“

Im Kleinen illustrieren auch die überall im Park platzierten Bänke den Geburtsfehler des Ganzen. Sie sind so konstruiert, dass man auf ihnen steif sitzen kann. In der Sonne liegen ist dagegen maximal ungemütlich gemacht. Vermutlich werden sie aber eh früher oder später von Problemkindern zerlegt und dann werden irgendwann hoffentlich die langweilen Standardmodelle hingebaut. Am spannendsten ist es im Lohsepark noch in den südlichen Ecken und Teilstücken des Parks, hier hat man tolle Ausblicke auf den Hafen und die Bautätigkeiten im Rest der wachsenden Hafencity, den Rest KANN man sich ansehen, muss aber nicht.

Lohsepark hamburgisch erlebt

Mit der U2 vom Hauptbahnhof Nord Richtung Niendorf Markt fahren und zu spät merken, dass man in der beschissenen U4 sitzt die vom selbem Gleis abfährt. Wo man schon mal drin sitzt einfach die 8 Minuten in einer verwaisten Ubahn zur Endhaltestelle „Hafencity Universität“ fahren. Die Haltestelle hat ne nice Lichtshow und ist tatsächlich architektonisch gelungen. In der Haltestelle nicht wie die anderen Verpeilten direkt zum gegenüberliegenden Bahnsteig um den nächsten Zug zurück zu nehmen sondern einfach mal Richtung Ausgang.

Kaum draußen fast von Touristen auf dem Segway umgenietet werden, die hoffentlich die nächste Böe ins Hafenbecken kloppt. Einmal kurz durch den Park nach Norden latschen und die Schaukeln am nördlichen Ende feiern. Wenn der Magen vom Schaukeln leicht flau wird schnell das Denkmal Hannoverscher Bahnhof direkt daneben anschauen. Dann kann man sich einreden das im Magen wäre ein Gefühl und das Denkmal hätte einen emotional hart bewegt. Nach dem dritten vorbeidonnernden ICE Richtung Süden (nicht vergessen ein paar der hässlichen Bänke zu taggen!) und zum Wegbrot coole Hafenpanoramen reinziehen. Über die Baakenhafen Brücke zum Hafencity Viewpoint, Fotos von Elphi (Diese Abkürz. ist so urgs) und co. machen.

Wenn der Hunger kommt Richtung Überseeboulevard und da zu Andronaco für ne Mörderpizza (Der Rest ist o.k. aber nicht sooo geil). Da es leider keine Karten mehr für das Konzert in der Elphi gab statt dessen abends, nachdem man es leid ist über Architekturstudenten zu stolpern, Richtung MS Stubnitz südlich des Lohseparks. Das ist ein alter Frachtdampfer, der zu einem veritablen Partyschiff umgebaut wurde und einen Hauch von Anarchie und vor allem guter Laune in die Betonwüste bringt. Feiern bis die lila Wolken überm Hafen aufziehen, ein letztes Bier an Deck, in die Ferne schauen und feuchte Augen kriegen. Ach Hamburg. Tor zur Welt. Hättest du doch nur nicht so fleißige Stadtplaner.

Botanischer Garten

Fragst du 10 Hamburger war mit Glück einer im botanischen Garten. Und zehn im Stadtpark. Und das gilt es zu ändern. Zwar wurde der Botanischer Garten wie das Volkssparkstadium Opfer einer sponsorenbasierten Umbenennung in Loki-Schmidt Garten und ich hab jetzt immer den hinterhältigen Loki aus den Thor Filmen von Marvel vor Augen, aber trotzdem bleibt er einer der schönsten Grünplätze Hamburgs. Sozusagen das bessere Planten & Bloomen. Genauso gratis (bzw. gegen Spende) Auch so ein bisschen Betoncharme. Aber der Charme wird deutlich größer geschrieben. Einen Bambuspfad der einfach mal mehr knallt als der gammelige Bambusrest der mir als solcher einst in China verkauft wurde. Ein Stück kanadisch-pazifischer Urwald der einen auch ohne Scotty kurz um den halben Erdball beamt. Und auch und gerade Ecken die so ein bisschen vergessen wirken, das Geld fehlt, Brücken sind wegen „Sicherheitsbedenken“ gesperrt (und wären vermutlich in jedem anderen Land der Welt weiterhin geöffnet, dehalb: …Schild? welches Schild?) und mir geht das Herz auf. Perfektion war nie mein Ding weil er keinen Raum lässt und der Botanischer Garten hat genau die richtige Balance zwischen geordneten Bereichen, Blütenmeer und verwunschenen und halb verwilderten Bachecken. Übrigens: Falls ihr die Tropengewächshäuser sucht, die sind in Planten & Bloomen. Dafür hat der botanische Garten das bessere Cafe.

Botanischen Garten hamburgisch erlebt

Mit der S-Bahn zur Station Klein Flottbek fahren. Am Eingang zum Botanischen Garten die Bronzestatue studieren, die vermutlich die einzige Bronzestatue der Welt ist, die tatsächliche eine Aussage hat außer „hier stehe ich, weil die Stadtverwaltung irgendwie Geld über hatte“. Circa 2 Stunden Zeit mitnehmen, beim Eintritt rechts rum, dann kommt das Highlight Bambusweg zuletzt. Unbedingt bei den Giftpflanzen vorbei, Schilder studieren, ein paar Inspirationen für den nächsten Thriller oder das nächste Trennungsvorhaben mitnehmen und sich danach ganz wunderbar lebendig fühlen.

Danach kommen so Rosen und ein Wüstenpavillon, das knallt jetzt vom Ding her nicht so, ruhig zügig weiter. Zwischendurch kommen noch Nutzpflanzen, das sagt mir was weil Essen und ich liebe Essen, aber vermutlich nicht für alle so spannend. Danach entweder illegaler Inselübertritt bei den Monsterkarpfenteichen, oder besser rechts rum, da kommt die Urwaldecke mit Holzstegen. Und wir lieben Holzstege. Weil das immer so ein bisschen Indiana Jones ist. Hach.

Das Pflanzensystem ist recht neu, gar nicht mal so uninteressant aber irgendwie noch nicht so richtig eingewachsen. Schöner ist es hinten rechts, da so den großen Bogen unbedingt durch Asien (deutlich geiler als in Planten & Bloomen), Fotofinger wundschießen, kurz über die Alpengipfel und ein paar Gemsen jagen, dann durch verwunschene Moore, Heideflächen, Wälder und entlang der Bachläufe. Eigentlich meine Lieblingsecke. Dann im Cafe schön Kaffee und Kuchen (ganz o.k. kann man echt machen) Duft- und Tastgarten ist im Arsch (Geld steckt in der Hafencity und der Elbphilharmonie, da kann man nix machen, Hamburger „Beton-first-policy“) und schließlich zum Abschluss den Bambusweg. Wer dann noch „richtige“ Natur will kann sich unter der Station Klein Flottbek durch fast lückenlos verlaufende und verwilderte Parks Richtung Elbe durchschlagen, sich am Strand ein Feierabendbier gönnen und mit der Fähre zurück Richtung Landungsbrücken. Da ist man dann aber auch fix und foxi wenn man ankommt…

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